Sie erwischt fast jeden mal und ist hochansteckend – nur gut, dass es sich bei der Scham um eine Emotion und nicht um eine Krankheit handelt
Vor versammelter Mannschaft sein Gesicht zu verlieren, das fühlt sich wohl überall auf der Welt ähnlich an. Man schämt sich vor anderen, mit anderen oder für andere – manchmal sogar dann, wenn der andere es selbst nicht tut. Doch während Schamgefühle höchstwahrscheinlich angeboren sind, unterliegen Schaminhalte dem kulturellen Wertewandel und verändern sich im Lauf der Zeit. Die Tübinger Professorin Ingrid Hotz-Davies vom Seminar für Englische Philologie hat das Phänomen Scham aus literaturwissenschaftlicher Sicht untersucht.
„Die Scham ist der Affekt, durch den die Literatur ihre Leser auf der Ebene der körperlichen Reaktionen manipulieren kann“, erklärt Hotz-Davies, „Scham kann vom Verfasser bewusst instrumentalisiert werden, weil sie so ansteckend ist und wir uns so schlecht gegen sie wehren können.“ Diese Strategie fände sich häufig in Werken, die beabsichtigten, den Leser mit der Scham in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dahinter liegende Ideologien würden für den Leser unter dem Druck der Peinlichkeit unsichtbar. Die kritische Distanz ginge verloren.
„Wir fragen uns als Leser oder Zuschauer nicht mehr, warum wir uns denn jetzt gerade schämen und ob wir das überhaupt wollen.“ Als Beispiel dafür führt die Literatur-Professorin William Shakespeares 1607 entstandenes Theaterstück „Antonius und Cleopatra“ an. Antonius misslingt auf dem Schlachtfeld bis zum Suizid hin so ziemlich alles. Auch wenn die heute lebenden Menschen die Beschämung seiner Männlichkeit nicht mehr so peinlich wahrnähmen wie vergangene Generationen, so bliebe doch der Gedanke zurück, Antonius hätte besser gemäß der römischen Wertvorstellungen handeln sollen. Dann wäre ihm seine Schmach erspart geblieben.
Ganz im Gegensatz dazu seien es im 17. Jahrhundert insgesamt eher schamlose Figuren, die den Leser zwängen, sein Wertesystem zu überdenken und Position zu beziehen. Ebenfalls in einem Werk Shakespeares, „Heinrich IV“, schätzt der Trunkenbold Falstaff sein Überleben höher ein als die Aussicht, sich für einen in seinen Augen unsinnigen Ehrbegriff umbringen zu lassen. Sein schamloses Verhalten veranlasse den Leser gleichfalls, den Sinn der männlich-militärischen Ehre – von anderen Figuren des Stückes hymnisch vorgetragen – zu überdenken.
Eine gewisse Schamlosigkeit spricht aus Sicht vieler Psychologen vor allem diejenigen an, die über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen. So beschreibt der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer in seinem Buch „Alles oder Nichts“ heftige und häufige Scham als Ergebnis einer frühkindlich gestörten Gefühlswelt. Wird demnach ein Baby zu oft in seiner Liebeserwartung enttäuscht, entwickele es zwangsläufig ein von Kontrollbedürfnissen beherrschtes Ich. Reagiere dann die Umwelt nicht so, wie es sich dieses Ich in seiner Vorstellung ausmalt, so seien Gefühle wie Scham und Wut die unmittelbare Folge.
Im 18. Jahrhundert ging es wieder schamhafter zu: An Stelle der selbstbewussten Schamlosen traten Rüpel in Erscheinung, die sich beispielsweise bei Tisch blamierten, ohne sich darüber klar zu werden. In Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ von 1813 schämt sich die Heldin in einem fort für ihre vulgäre und aufmüpfige Schwester. Am Ende stünde aber für alle beide die gesellschaftlich akzeptierte Ehe auf dem Programm – Ausbruch ausgeschlossen.
Im letzten und vorletzten Jahrhundert schließlich würden sich die Menschen überwiegend dafür schämen, etwas nicht geschafft zu haben. In Literatur und Film gewännen die „Schamlosen“ hingegen wieder die Oberhand. Der Regisseur Orson Welles beispielsweise hätte sich und andere mit Vorliebe als dreiste Monster ohne jedes Schamgefühl dargestellt. Aus dem Blickwinkel der Scham heraus, resümiert die Tübinger Anglistin, ließe sich die gesamte Literaturgeschichte neu schreiben.
idw/ GesundheitPro |