Die häufigsten Ursachen, die neuesten Therapien, was Sie selbst tun können
Es brummt. Dann hört es sich an wie ein Pfeifen. Und manchmal glaubt Maike Bruck (Name der Red. bekannt) auch, neben einer Dusche zu stehen – so rauscht es in ihrem rechten Ohr. Die Geräusche, unter denen die 36-jährige Historikerin aus Hamburg schon seit fast zwei Jahren leidet, halten sich an kein Schema. Sie hört sie tagsüber, beim Lesen oder Spazierengehen, am häufigsten aber nachts. „Beim Einschlafen sind sie besonders stark“, klagt Bruck: „Der Tinnitus hat mir die Stille geraubt.“
Tinnitus (lateinisch:Klingeln) ist die Bezeichnung für Geräusche,die es eigentlich gar nicht gibt, die nur der Betroffene hört. Nach einer Studie der Deutschen Tinnitus-Liga haben das fast 20 Millionen Deutsche schon mal erlebt – meist bleibt es bei einem lästigen Pfeifen oder Sausen, das nach spätestens fünf Minuten wieder verschwindet. Bei etwa 2,7 Millionen Bundesbürgern aber setzt sich der Tinnitus im Ohr geradezu fest– über Monate oder Jahre, oft sogar ein Leben lang. Ein Teil von ihnen leidet bis zur Unerträglichkeit:„Die Patienten können nicht mehr schlafen, haben Konzentrationsstörungen und bekommen oft Probleme im Beruf oder in der Partnerschaft“, berichtet Dr. Karsten Plotz, Tinnitus-Spezialist am Hörzentrum Oldenburg. Ein Teufelskreis entsteht: Der Dauerton im Ohr schürt Ängste und stürzt die Betroffenen schnell in eine Depression, die die quälende Wahrnehmung des Ohrgeräuschs noch verstärken kann. Dabei reicht die Klangpalette des Tinnitus vom tiefen Brummen über scharfes Zischen bis zum schrillen Klingeln. „Am häufigsten sind die hohen Töne“, weiß Plotz.
Ohrgeräusche,die maximal drei Monate bestehen, nennen die Ärzte akuten Tinnitus. Auslöser sind oft Ohrerkrankungen wie Mittelohrentzündungen oder ein Hörsturz. Auch ein Knalltrauma,also eine plötzliche starke Geräuschattacke (häufigstes Beispiel: Silvesterknaller), kann einen akuten Tinnitus zur Folge haben. Die gute Nachricht: Meistens verschwinden die Ohrgeräusche wieder. Dennoch sollten Sie in jedem Fall einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufsuchen, wenn der Tinnitus plötzlich auftritt und länger als einige Stunden oder sogar Tage dauert. Nur der Fachmann kann die Ursache für das Dauergeräusch ermitteln. Je früher die Therapie einsetzt, umso besser sind die Chancen auf Gesundung.
Außerdem kann der Arzt unter bestimmten Voraussetzungen durchblutungsfördernde und abschwellende Mittel verabreichen. Diese Behandlung erhöht die Chance, dass der Tinnitus schnell wieder aufhört. In vielen spezialisierten Zentren besteht außerdem die Möglichkeit einer Therapie in einer Sauerstoff-Druckkammer, was in Einzelfällen den akuten Tinnitus verschwinden lässt.
Halten die Ohrgeräusche länger als drei Monate an, sprechen die Ärzte von chronischem Tinnitus. Noch ist unklar, warum sich die Geräusche auf Dauer im Ohr einnisten. Manche Fachleute vermuten bleibende Schäden im Innenohr als Ursache – etwa einen Defekt der feinen Haarsinneszellen, die die Töne entschlüsseln und sie ans Hirn weiterleiten. Dazu passt, dass Patienten mit lang anhaltendem Tinnitus in den meisten Fällen schwerhörig sind – oft ohne es zu wissen. Auch Verspannungen der Kiefermuskulatur fördern offenbar chronische Ohrgeräusche. „Allerdings wirken sie wohl eher als Verstärker der Geräusche, nicht als deren Ursache“, kommentiert Plotz.
Die Therapie:Tinnitus nicht bekämpfen – sondern akzeptieren Wie werden Sie nun Ihren Tinnitus wieder los? Privatdozent Dr. Gerhard Goebel, Tinnitus-Experte an der psychosomatischen Klinik Roseneck am Chiemsee, gibt eine ernüchternde Antwort: „Es gibt im Moment keine Behandlung, die chronische Ohrgeräusche sicher zum Verschwinden bringt. Doch Sie können lernen, mit Ihrem Tinnitus zu leben – so gut, dass Sie ihn kaum noch oder gar nicht mehr wahrnehmen.“ Denn der Leidensdruck ist umso geringer, je weniger Tinnitus ins Bewusstsein dringt. Gelingt es, die Ohrgeräusche so weit auszublenden, dass sie nicht mehr als Belastung empfunden werden, sprechen die Ärzte von kompensiertem Tinnitus: Die Geräusche bleiben, aber ihre Wahrnehmung hat sich geändert. „So merkwürdig es klingt: Das Ziel der Therapie besteht darin, mit dem Tinnitus quasi in trauter Zweisamkeit zu leben – und ihn nicht bewusst zu bekämpfen. Ein solches Aufbäumen führt nur dazu, dass die Ohrgeräusche noch stärker wahrgenommen werden“, erklärt Goebel.
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