Bereits im Fötus wirken Sexualhormone auf die Entwicklung des Gehirns ein, bei Jungen anders als bei Mädchen
Etwa ab der siebten Woche sorgt ein Gen auf dem Y-Chromosom dafür, dass sich im männlichen Embryo Hoden entwickeln. Bis dahin entwickeln sich beide Geschlechter gleich. Dann, in der siebten Woche, produzieren die Keimdrüsen bei männlichen Embryos fleißig Testosteron. Ein hohes Maß an Testosteron fördert das Wachstum der rechten Gehirnhälfte, die linke entwickelt sich dafür langsamer. „Die Hormoneinwirkung hat zur Folge, dass Mädchen sprachlich und sozial besser sind, Jungen dagegen in der räumlichen Wahrnehmung“, erklärt Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer, Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaft und Lernen an der Uniklinik für Psychiatrie in Ulm.
Ab der zwölften Woche entwickelt sich, je nach Geschlecht, bei Mädchen der Geschlechtshöcker zur Klitoris, bei Jungen wächst er zum Penis. Nach der Geburt steigen die Spiegel der Geschlechtshormone steil an. Mit einem halben Jahr geht der Hormonspiegel bei beiden Geschlechtern wieder zurück. Bis zum zehnten Lebensjahr leben die Kinder mit minimalen Werten.
Mit Beginn der Pubertät setzen Botenstoffe aus der Hirnanhangdrüse (LH, FSH, ACTH) die Produktion von Geschlechtshormonen in Gang. Bei Mädchen entstehen unter dem Einfluss von Östrogenen die Brüste. Schamlippen, Eileiter und Gebärmutter wachsen, das Becken verbreitert sich. Androgene lassen Achsel- und Schamhaare sprießen, fördern den Sexualtrieb und bewirken, dass die Stimme etwas tiefer wird. Bei Jungen regen LH, FSH und die männlichen Geschlechtshormone das Wachstum von Penis und Hoden an und wecken den Sexualtrieb. Sie lassen Scham-, Achsel- und Barthaare sprießen. Androgene lösen auch den Stimmbruch aus.
Die Wirkung der Hormone zeigt sich eindrucksvoll dort, wo sie eigentlich nicht vorgesehen sind. Mädchen, die durch einen seltenen Defekt im Mutterleib und nach der Geburt viel Testosteron im Körper hatten, entwickelten nicht nur männliche äußere Geschlechtsorgane, sie verhielten sich später auch eher jungentypisch. So interessierten sie sich stärker für Fußball als für Schminke und suchten eher die Freundschaft von Jungen als von Geschlechtsgenossinnen. Aber: „Es lässt sich nicht in Prozent angeben, wie sehr uns die Natur im Verhalten und Wahrnehmen beeinflusst“, sagt Prof. Spitzer. Zu kompliziert ist das Wechselspiel von Biologie und Erfahrung.
Denn noch etwas anderes tragen wir in uns: die Lernfähigkeit. Im Kleinkindalter ist das Gehirn extrem aufnahmefähig und formbar. Gerade in dieser Zeit, aber auch später, finden durch Erfahrungen wichtige Verschaltungen der Nerven statt, die uns prägen – auch unsere Vorlieben und unser Verhalten. Dr. Sigrid Schmitz, Biologin und Dozentin für Genderforschung an der Universität Freiburg, warnt daher davor, den Einfluss der Biologie zu überschätzen. „Bei uns dominieren immer noch Geschlechterklischees“, meint die Expertin. „Kinder lernen ja nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von ihren Freunden. Da spielt es auch eine ganz wichtige Rolle, ein bestimmtes Geschlechterverhalten anzunehmen, um einer bestimmten Gruppe anzugehören.“
Doch genau hier wird es für Jungs offenbar zunehmend schwierig, Vorbilder zu finden. Während den Mädchen alle Türen offen stehen, von der Vollzeit-Mama bis zur Karrierefrau, tun sich die Jungen mit vom Macho abweichenden Rollenbildern offenbar schwer: Hausmänner und Softies werden immer noch belächelt. In Zeiten der Emanzipation stark und zugleich sensibel zu sein, fällt vielen Jungen schwer. Auch das, vermuten Experten, führe dazu, dass sie schon längst nicht mehr das starke Geschlecht sind. Untersuchungen zeigen, dass Jungen häufiger unter Lernschwierigkeiten leiden. Das Zappelphilipp-Syndrom trifft sie nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung drei- bis neunmal häufiger als Mädchen.
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