Aktuelle Gesundheitstipps
Neurologie
Der Ohnmacht zuvorkommen   Zur Druckansicht

Das Bewusstsein zu verlieren ist beängstigend. Die meisten Aussetzer sind aber harmlos und lassen sich verhindern

Auf dem Kipptisch am Universitätsklinikum Dresden fühlen sich viele Patienten das erste Mal seit langem wieder stabil. Die Menschen, die Dr. Tjalf Ziemssen, Leiter des autonomen und neuroendokrinologischen Funktionslabors (ANF), von der Waagrechten in die Senkrechte schwenkt, sind vor der Untersuchung oft besorgt: Immer wieder fallen sie in Ohnmacht und wissen nicht, warum. Herz und Gehirn sind bereits überprüft und gesund. Doch die Aussetzer hinterlassen ein ungutes Gefühl. Nach der Prozedur mit dem Kipptisch ist die Ursache meist geklärt, und die Patienten können aufatmen.

Jeder Zweite wird im Laufe seines Lebens einmal ohnmächtig
Durch das Aufrichten und zusätzliche Reize imitieren die Ärzte den körperlichen Stress, der die Bewusstlosigkeit auslöst. Sie beobachten Herzfunktion und Hirnströme und erkennen an typischen Reaktionen, was den Patienten außer Gefecht setzt. „Neurokardiogene Synkope“ lautet die häufigste Diagnose – eine harmlose Fehlsteuerung zwischen Gehirn und Kreislauf.

Experten schätzen, dass jedem zweiten Menschen mindestens einmal im Leben die Sinne schwinden. Zum Problem werden Ohnmachtsanfälle aber erst, wenn sie nicht ohne weiteres erklärbar sind, wenn sie sich häufen oder zu Verletzungen führen. „Der Leidensdruck dieser Patienten“, sagt Ziemssen, „ist sehr hoch.“ Drei Viertel derjenigen, die innerhalb kurzer Zeit mehr als dreimal ohnmächtig werden, fühlen sich depressiv oder ängstlich und schränken sich in Beruf und Alltag ein.

Viele Betroffene haben Ärzte-Odyssee hinter sich
„Allein hier in Dresden“, sagt Ziemssen, „haben wir mehrere hundert solcher Fälle pro Jahr.“ Diese Ohnmachtsgeplagten haben oft eine Ärzte-Odyssee hinter sich. Viel zu selten fänden sie einen Mediziner, der ihre Ausfallserscheinungen auf Anhieb richtig einschätzt, kritisiert der ANF-Leiter. „Gesunde bekommen eine Überweisung zum Kardiologen und erhalten das volle Programm der Herzuntersuchungen bis hin zum Katheter“, schildert er. „Wenn sich herausstellt, dass ihnen körperlich nichts fehlt, werden sie nach Hause geschickt, bleiben aber ratlos.“ Bei den meisten von ihnen wäre schon mit einem Aufklärungsgespräch viel gewonnen, weiß Ziemssen aus Erfahrung. „Sonst steigern sie sich womöglich so sehr in die Situation hinein, dass die psychische Belastung die Zahl der Ohnmachtsanfälle erhöht.“

Veranlagung spielt Rolle
Es scheint zum großen Teil Veranlagung zu sein, ob und wie schnell ein Mensch auf Stress mit neurokardiogenen Synkopen reagiert. Dennoch gibt es Hilfe. Ein Tagebuch erleichtert es, die Auslöser aufzuspüren und zu meiden. Die Patienten lernen, auf Vorboten wie Schwindel sofort zu reagieren und sich zu setzen. „Der Tipp bei einem akuten Vorgefühl“, sagt Ziemssen, „ist ein Glas eiskaltes Wasser. Das hebt den Blutdruck sofort.“ Auf Dauer stärken Ausdauersport und Wechselduschen den Kreislauf. Salzreiche Ernährung reguliert den Blutdruck nach oben.

Kippen stabilisiert den Körper
Bei hartnäckigen Problemen kann ein Training auf dem Kipptisch den Körper daran gewöhnen, Lagewechsel und langes Stehen zu verkraften. Entsprechende Labors finden sich an größeren neurologischen Kliniken. Einige Antidepressiva – so genannte SSRI – erweisen sich auch bei diesen Beschwerden manchmal als wirksam, weiß Ziemssen. Ein geschulter Arzt kommt einer neurokardiogenen Synkope allein durch Befragung auf die Spur. Nur selten wird er Hinweise auf ein schweres Leiden entdecken. Dieses kann entweder vom Herzen oder vom Gehirn ausgehen.

Beim Herzen können Rhythmusstörungen oder Klappenfehler beteiligt sein, oder die Hauptschlagader im Bereich der Herzklappe ist stark verengt. Dann ist Eile geboten. „Bleibt ein fortgeschrittener Engpass unbehandelt“, warnt Ziemssen, „haben die Kranken nur noch etwa ein Jahr zu leben.“ Schäden an den Nerven spielen für Ohnmachten eine Rolle, falls sie die Steuerung der Blutgefäße beeinträchtigen. Das kann zum Beispiel für Parkinson-Kranke oder vorgeschädigte Diabetiker zum Problem werden.

Auch bei der ungefährlichen Form der Bewusstlosigkeit sendet das Gehirn dem Herz-Kreislauf-System falsche Signale – allerdings ohne besondere Ursache. Die Folge: Blutdruck und Pulsfrequenz fallen schlagartig. Das Gehirn bekommt zu wenig Blut geliefert, das Bewusstsein schwindet, kehrt jedoch nach einigen Sekunden zurück. „Das ist ein bisschen wie beim Computer“, veranschaulicht Ziemssen. „Einzelne Programme stürzen manchmal ab, obwohl der Rechner in Ordnung ist.“


Apotheken Umschau

 

(c) 2003-2012 Wengen-Apotheke | Impressum

1.419.886 Besucher seit Juli 2003

 

Ihr Warenkorb
Artikel: 0
Warenwert: 0.00 €
 
Suche

Zur erweiterten Suche