Verstopfte Atemwege, Kopfschmerzen, Infekt- Anfälligkeit? Vielleicht sind gutartige Wucherungen der Nebenhöhlen- Schleimhaut verantwortlich. So hilft der HNO-Arzt
Rainer B. passt genau ins Schema: 36 Jahre alt, ständig verschnupft, häufig Kopfschmerzen und bei jeder Gelegenheit erkältet. Zuerst hatte der Elektroingenieur aus der Nähe von Rostock gemeint, es sei vielleicht nur der Stress, der seine Abwehrkräfte schwächt. Doch als er eines Tages mit einer Kollegin über sein Problem sprach, schloss sie aus eigener Erfahrung auf eine Nebenhöhlen- Entzündung und riet ihm, vorsichtshalber zum Arzt zu gehen. „Der Tipp war nicht verkehrt“, sagt Professor Werner Hosemann. „Die Symptome deuten tatsächlich auf eine chronische Nasennebenhöhlen- Entzündung hin.“ Darunter leiden rund vier Millionen Deutsche, weiß der Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen-, Ohrenkrankheiten, Kopf- und Halschirurgie an der Universität Greifswald.
Bei Rainer B. stellte der Hals-Nasen- Ohren-Arzt, den ihm seine Kollegin empfohlen hatte, die Diagnose Nasenpolypen (Polyposis nasi). Dazu Professor Hosemann: „Nasenpolypen gehören in die große Gruppe der chronischen Nasennebenhöhlen- Entzündungen und machen etwa ein Fünftel der Fälle aus. Es handelt sich um gutartige, eher wässrige Gewebsverdickungen, die aus der Nebenhöhlen- Schleimhaut, meist der Siebbeinschleimhaut, entstehen.“
Betroffene meist älter als 30 Warum es zu den blasen- oder traubenförmigen Veränderungen kommt, die sich im fortschreitenden Stadium wie Polypen vorwölben, lässt sich nicht genau sagen, da es sich nicht um eine einheitliche Erkrankung handelt. Fest steht, dass nahezu alle Betroffenen älter sind als 30 Jahre. Aber es gibt auch Ausnahmen. So bekommen Kinder mit der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose mit beinahe 100-prozentiger Sicherheit Nasenpolypen. Andererseits hat das, was der Volksmund bei Kindern häufig als „Polypen“ bezeichnet, nichts mit Polyposis nasi zu tun. „Vielmehr handelt es sich dabei um vergrößerte Nasenrachenmandeln“, sagt Hosemann.
Im Zusammenhang mit „echten“ Nasenpolypen gibt es eine Reihe interessanter Phänomene. So leidet etwa jeder zehnte Patient unter einer merkwürdigen Form der Unverträglichkeit nichtsteroidaler Antirheumatika wie ASS, Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac, die als Wirkstoff auch in vielen Kopfschmerztabletten enthalten sind. „Wenn diese Personen eine Kopfschmerztablette einnehmen, bekommen sie einen ungefähr halbstündigen Asthmaanfall“, sagt der Greifswalder Professor. „Auffallend häufig wachsen gerade bei dieser Patientengruppe die Polypen nach einem operativen Eingriff wieder nach.“
Nasenpolypen sind zwar lästig und bisweilen hartnäckig, jedoch nur in den seltensten Fällen gefährlich. Normalerweise treten sie symmetrisch auf beiden Seiten der Nasennebenhöhlen auf. Einseitig können sie Ausdruck einer Zahnentzündung, aber auch Hinweis auf eine Tumorerkrankung sein. Machen Polypen nur gelegentlich Beschwerden, lassen sich diese mit nicht verschreibungspflichtigen abschwellenden Nasensprays aus der Apotheke lindern. Geht ein Patient wie Rainer B. mit den Symptomen verstopfte Nase, Kopfschmerzen und Infektanfälligkeit rechtzeitig zum HNO-Arzt, wird dieser nach eingehender Untersuchung geeignete Maßnahmen ergreifen.
Kortison lindert die Beschwerden Zunächst wird der Arzt versuchen, die Verdickung der Schleimhäute medikamentös in den Griff zu bekommen. Normalerweise enthalten die Mittel Kortison, das die Gewebeschwellungen bis zu einem gewissen Grad rückgängig machen kann. Sind Polypen gerade erst entstanden oder sehr klein, lässt sich mit solchen Medikamenten durchaus eine Beschwerdelinderung erzielen, manchmal sogar auf längere Zeit. Die Mittel sind verschreibungspflichtig und werden meistens als Nasenspray direkt an den Einsatzort gebracht. Damit ist zwar der übrige Organismus nicht betroffen, aber leider hilft die Methode nicht immer. Dann empfiehlt es sich, ein vom HNO-Arzt verordnetes und ebenfalls kortisonhaltiges Präparat einzunehmen.
Helfen die Medikamente nicht mehr, muss operiert werden. „Eine anspruchsvolle, aber nicht schmerzhafte Operation“, beruhigt der Experte. Mit Hilfe von Endoskopen werden die Polypen entfernt und die Nasennebenhöhlen chirurgisch so behandelt, dass die Ausführungsgänge von Kiefer- und Stirnhöhle sowie Siebbeinzellen eine normale Luftzufuhr und verbesserten Abfluss der Sekrete ermöglichen. Wie meistens, so wurde auch bei Rainer B. die Operation stationär und in Vollnarkose ausgeführt. Anschließend hatte er kaum Schmerzen, musste jedoch zur wichtigen Nachpflege noch mehrmals zu seinem HNO-Arzt, bis die Schleimhaut ausgeheilt war.
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