Experten nahmen die häufigsten Empfehlungen gegen chronische Verstopfung auf den Prüfstand
Die Ratschläge, mit denen chronisch verstopfte Patienten von ihren Ärzten bedacht werden, lauten meist ähnlich: „Mehr Ballaststoffe, mehr Bewegung, mehr trinken!“ Wer das beherzigt, so die Erwartung, bringt seinen Darm in Schwung und die regelmäßige Entleerung wieder in Gang. Jetzt hat der Gastroenterologe Prof. Dr. med. Stefan Müller-Lissner, Chefarzt der Inneren Abteilung an der Parkklinik Weißensee in Berlin, gemeinsam mit Kollegen kritisch unter die Lupe genommen, wie Ballaststoffe, Flüssigkeit und körperliche Aktivität tatsächlich bei Verstopfung helfen. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im „American Journal of Gastroenterology“, dem führenden Fachblatt für Magen-Darm-Spezialisten.
„Mehr Ballaststoffe“: Ballaststoffe gelten zwar allgemein als bestes Mittel für ein „gutes Geschäft“. Doch Studien zufolge profitiert nur jeder fünfte Patient, der infolge einer Darmträgheit an chronischer Verstopfung leidet, von einer ballaststoffreichen Ernährung. Bei Menschen mit schwerer chronischer Verstopfung können die Beschwerden durch vermehrte Ballaststoffzufuhr sogar zunehmen. Wenn sich der Stuhlgang durch Einnahme von Ballaststoffen bessert, hängt das vermutlich oft damit zusammen, dass der Betroffene sich vorher sehr ballaststoffarm ernährt hat.
„Mehr trinken“: Patienten mit chronischer Verstopfung trinken nicht weniger als Menschen ohne dieses Problem. Ein Beweis dafür, dass eine Steigerung der Trinkmenge bei chronischer Verstopfung helfen kann, steht aus. Nur bei schwerem Flüssigkeitsmangel, so die Experten, dürfe ein positiver Effekt auf die Darmtätigkeit erwartet werden.
„Mehr Bewegung“: Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität auch die Darmmuskulatur anregt, so dass die Verdauungsprodukte schneller in Richtung Darmausgang befördert werden. Studien konnten zeigen, dass Menschen, die sich viel bewegen, seltener unter Verstopfung leiden. Bei schwerer chronischer Verstopfung darf man aber von einer Steigerung des Bewegungspensums nicht zu viel erwarten – jedenfalls keinen schnellen Erfolg. Eine Studie mit acht Patienten, die vier Wochen lang täglich bis zu fünf Kilometer zusätzlich liefen, zeigte zumindest keinen Effekt auf die Verstopfung.
Auch mit weiteren „Mythen“ rund ums Thema Verstopfung räumen die Wissenschaftler auf. Zum Beispiel mit der jahrhundertealten These, Verstopfung würde den Körper von innen „vergiften“. Dafür gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt – und selbst die hartnäckigsten Verfechter dieser Behauptung konnten niemals nachweisen, dass sich bei Verstopfung „Giftstoffe“ im Körper sammeln. Es muss sich also niemand um seine Gesundheit sorgen, nur weil er nicht täglich Stuhlgang hat. Überhaupt sprechen Ärzte erst dann von einer „chronischen“ Verstopfung, wenn ein Patient über Monate hinweg seltener als dreimal pro Woche seinen Darm entleert und die Stuhlentleerung mit Schwierigkeiten verbunden ist. Immerhin sind bis zu 30 Prozent der über 60-jährigen Menschen von diesem Problem betroffen, Frauen häufiger als Männer.
In hartnäckigen Fällen können Abführmittel aus der Apotheke die Darmtätigkeit wieder in Schwung bringen. Zuvor sollte jedoch unbedingt vom Arzt geklärt werden, ob hinter der Verstopfung eine ernsthafte Darmerkrankung, beispielsweise ein Tumor, steckt. Das gilt vor allem dann, wenn jemand bislang kaum Probleme mit der Verdauung hatte und wenn neben der Verstopfung weitere Beschwerden auftreten – beispielsweise Wechsel mit Durchfall, Blutbeimengungen, Schmerzen beim Stuhlgang oder eine unerklärliche Gewichtsabnahme. Neben Darmerkrankungen können auch Stoffwechselstörungen wie eine Schilddrüsen- Unterfunktion zu einer Verstopfung führen. Bestehen weitere Verdachtsmomente für eine Unterfunktion der Schilddrüse, wie beispielsweise Kälteempfindlichkeit, Kraftlosigkeit und Konzentrations- Störungen, ist eine entsprechende Diagnostik durch den Arzt sinnvoll.
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