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Allergisch auf den Job   Zur Druckansicht

Hautjucken, Reizhusten, brennende Augen, Atembeschwerden – vielleicht liegt es am Arbeitsplatz

Die 15-jährige Sandra war so froh, dass sie den Ausbildungsplatz in einem Frisiersalon bekommen hatte. Die Freude dauerte allerdings nur drei Wochen. „Wie sehen denn deine Hände aus?“, fragt Sandras Mutter eines Abends besorgt. Ihr ist nicht entgangen, dass ihre Tochter sich seit einigen Tagen ständig an den Händen kratzt. Mittlerweile sind die Handrücken übersät mit roten, teilweise blutigen Striemen. „Ich weiß auch nicht“, antwortet das junge Mädchen, „es juckt die ganze Zeit.“ Am nächsten Tag gehen Mutter und Tochter zum Hautarzt. Diagnose: allergisches Kontaktekzem. Der Arzt erklärt Sandra: „Vom Haarwaschmittel bis zur Dauerwelle – in fast allen Produkten, mit denen du bei deiner Ausbildung in Berührung kommst, stecken chemische Stoffe. Mindestens auf einen von ihnen reagiert deine Haut mit diesem starken Juckreiz.“

Von Altenpflege bis Zahntechnik
Sandra ist kein Einzelfall. Von 56.900 Verdachtsanzeigen auf eine Berufskrankheit, die dem HVBG (Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften) im Jahr 2003 gemeldet wurden, beziehen sich 15.031 auf eine Hauterkrankung. In 90 Prozent handelt es sich dabei um Ekzeme, die in erster Linie an den Händen auftreten – bei Frauen öfter als bei Männern. „Ein besonders starker Anstieg solcher ,Berufsekzeme‘ wird bei den Auszubildenden im Friseurhandwerk, in der Nahrungsmittelindustrie und in der Metallverarbeitung verzeichnet“, sagt die Diplom- Biologin Anja Schwalfenberg vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) in Mönchengladbach. „Bei den Lehrlingen im Friseurhandwerk steigerte sich die Häufigkeit im Lauf der Ausbildungszeit. Anfangs ist es etwa ein Drittel, das allergisch reagiert, am Ende mehr als die Hälfte.“

Doch nahezu alle Berufe können betroffen sein: Die Altenpflegerin, weil im Desinfektionsmittel Quecksilberverbindungen und Formaldehyd stecken. Der Zahntechniker, der ständig mit Nickel, Kobalt und Palladium in Berührung kommt. Die Köchin wegen der Farb- und Konservierungsstoffe in vielen Lebensmitteln, aber auch wenn sie Fisch, Fleisch, Gemüse und exotische Gewürze schneidet. Der Anstreicher, die Textilverarbeiterin, der Zimmermann – Anja Schwalfenberg könnte mit ihrer Aufzählung noch lange fortfahren.

Manchmal helfen Handschuhe
Was tun? Diese Frage stellt auch Friseurlehrling Sandra ihrem Hautarzt. Zunächst einmal empfiehlt er ihr ein entzündungshemmendes Mittel gegen ihr Kontaktekzem, Präparate zum Hautschutz und Basiszubereitungen zur Intervallbehandlung. Ob sie ihre Ausbildung fortsetzen könne? Expertin Schwalfenberg empfiehlt, bei Feucht- oder Nassreinigungsarbeiten, beim Desinfizieren, beim Umgang mit möglichen Allergieauslösern (etwa Lösungsmitteln) sowie bei Kontakt mit Infektionserregern naturlatexfreie, ungepuderte
Handschuhe anzuziehen.

Bäcker-Asthma: Über 400 Allergie-Auslköser in Mehl und Teig
Weil die einmal erworbene Anfälligkeit der Haut für eine Allergie nicht geheilt werden kann, müssen sich junge Leute vor der Berufswahl, Umschüler und Neueinsteiger informieren, mit welchen Stoffen sie in Berührung kommen werden. Menschen mit Nickelallergie sollten sich ärztlich beraten lassen – viele Berufe, zum Beispiel in Metallindustrie und Maschinenbau, als Kassierer und Juwelier, aber auch als Friseur sind für sie mit Risiken behaftet. „Hautreaktionen mit Bläschen, Papeln, Verdickungen und Pusteln sind leider nicht die einzige Allergiegefahr, die im Berufsleben droht“, sagt Anja Schwalfenberg vom DAAB. In vielen Branchen kommt es zu allergischen Atemwegserkrankungen. Häufig sind Bäcker und Konditoren betroffen: „In Mehl und Teig, Aromen und Gewürzen lauern 400 verschiedene Allergene, die alle das so genannte Bäcker-Asthma auslösen können.“

Kein Beruf ist wirklich gesund
Getreide, Futtermittelzusätze und Tierhaare, Blütenstaub und Pflanzenschutzmittel können das Arbeiten in vermeintlich „gesunden“ Berufen zur Hölle machen; Atemschutzmasken, Absaugvorrichtungen oder die Umstellung auf andere Arbeitsmaterialien helfen nur bedingt. Verkäuferinnen, Sprechstundenhilfen, Tischler und Transportarbeiter, Krankenschwestern und Hebammen – auch in Jobs, in denen man es zunächst nicht vermutet, lauert die Gefahr von Atemwegserkrankungen mit ständigem Husten (Asthma
bronchiale). Ist eine Erkrankung als Berufskrankheit anerkannt, trägt die zuständige Berufsgenossenschaft die Kosten für die ärztliche Behandlung mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, weiter reichende Therapien und Maßnahmen.

Rund 500 Bäcker müssen jedes Jahr wegen ihrer berufsbedingten Allergie den Beruf wechseln, bei den Friseuren sind es sogar mehrere tausend. Sandra Pawellek hat mehr Glück: Wenn sie der Kundschaft die Haare wäscht, ein Tönungsmittel einmassiert oder eine Dauerwelle legt, zieht sie ihre naturlatexfreien Handschuhe an. Sandra: „Wenn ich die Handschuhe nicht vertragen würde, müsste ich meine Lehre abbrechen.“


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