Wer sich gut vorbereitet, bei dem haben gefährliche Blutgerinnsel auf längeren Reisen kaum eine Chance
Damals, 1974, die Geschichte mit Richard Nixon. Das Schicksal ereilte den amerikanischen Präsidenten in der Luft: Erst Thrombose, dann Lungenembolie. Dank Not-OP überlebte Nixon. „So hatten wir unser erstes prominentes Opfer mit einer Thrombose nach einem langen Flug“, sagt Dr. Lutz Schimmelpfennig, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie (Venenerkrankungen).
Wie gefährlich sind Langstrecken-Flüge? Die „große Gefahr über den Wolken“ gerät immer wieder in die Schlagzeilen. Was ist dran am tödlichen Lungenschuss im Flieger? Gewiss: Ein langer Flug birgt Gefahren. Venenexperten sprechen von einer Reisethrombose, wenn sich während einer längeren Reise ein Blutgerinnsel bildet und dieses ein Gefäß im tiefer gelegenen Beinvenensystem verstopft. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Reise und Gefäßverschluss, sagen Venenexperten, „wenn die Reise länger als fünf Stunden dauert und Reisende fast nur sitzen“. Komplikationen wie eine Lungenembolie treten oft erst zwei Wochen nach der Reise auf.
In diesem schlimmsten, aber seltenen Fall der Fälle löst sich das Blutgerinnsel von der Gefäßwand, wandert über den Blutstrom in die Lungengefäße und verstopft dort ein Gefäß (siehe Grafik links). Der Wiener Venenexperte Prof. Hugo Partsch schätzt, dass etwa 7,5 Prozent der Beinvenenthrombosen durch lange Reisen entstehen.
Nicht das Flugzeug ist das Problem, sondern das Sitzen Dem Venenexperten Schimmelpfennig zufolge lässt sich die Thrombosegefahr auf Reisen schlecht einschätzen. 22 Millionen Venenpatienten gibt es bundesweit, 12 Millionen deutsche Fluggäste steigen für Langstreckenflüge jährlich in den Flieger. „Nicht das Flugzeug ist der Hauptübeltäter, sondern die lange Reise“, urteilt der Venenarzt. Die Reisethrombose sei eine Sonderform der Sitzthrombose und könne einen im Bus oder im Auto treffen, aber ebenso im Sessel nach einem langen Fernsehabend oder in einer langen Oper. „Die Leute hocken stundenlang unbeweglich auf ihrem Sitz.“ Eine Tortur für strapazierte Venen, das Blut staut sich zurück, die Beine schwellen an.
Verhängnisvoll: Flüssigkeitsmangel Zusatzproblem auf Reisen: „Die Leute trinken zu wenig, weil sie nicht so häufig zur Toilette gehen wollen“, beobachtet Dr. Hans Hammel, Ärztlicher Leiter des Medizinischen Zentrums am Flughafen München. „Wenn überhaupt, überhaupt, greifen sie zu Kaffee oder Alkohol“, schimpft der Reisemediziner, „das treibt zusätzlich.“ Flüssigkeitsmangel verdickt aber das Blut, so dass sich Blutgerinnsel schneller bilden. Und: Die niedrige Luftfeuchtigkeit in der Flugkabine trocknet den Körper zusätzlich aus, das Blut wird dickflüssiger. Der niedrige Sauerstoffgehalt im Flugzeug verschärft das Problem: Blutgerinnsel lösen sich nicht mehr so schnell von alleine auf. Zudem weiten sich die Gefäße. Die Folge: Das Blut fließt nicht mehr so flott.
Erhöhtes Risiko: Richtig reagieren Reisemediziner wie Venenexperten warnen vor Panikmache. „Hauptursachen für eine Thrombose sind familiäre Veranlagung, Krampfaderleiden und Übergewicht“, gibt Dr. Hammel zu bedenken. Sein Tipp: Reisende sollten ihr Thromboserisiko beim Hausarzt, Venenarzt oder reisemedizinischen Zentrum checken lassen. Wer über eine stabile Gesundheit verfügt, gesunde Venen hat, auf der Reise viel trinkt und für genügend Bewegung sorgt, läuft kaum Gefahr, eine Thrombose zu erleiden.
Etwas riskanter gestalten sich Reisen über fünf Stunden für ältere Reisende, Herzkranke, Patienten mit Blutgerinnungsstörungen oder Frauen, die Wechseljahrshormone einnehmen. „Mindestens zwei Faktoren müssen zusammentreffen, um von einem mittleren Risiko zu sprechen“, erklärt Schimmelpfennig. Für diesen Fall rät der Gefäßspezialist zusätzlich zu Stützstrümpfen, „bei bestehendem Krampfaderleiden auf jeden Fall medizinische Kompressionsstrümpfe“. Beide sind auch in der Apotheke erhältlich.
Sind Gerinnungsstörungen bekannt, verordnen Mediziner für den Reisetag zusätzlich ein gerinnungshemmendes Medikament. Es ist als Einmalspritze erhältlich, der Patient kann sich das Medikament leicht selbst spritzen. Der Arzt zeigt, wie die Spritztechnik funktioniert. Tabletten eignen sich nicht. „Der Wirkstoff Acetylsalicylsäure reicht auf keinen Fall zur Vorbeugung“, warnt Flughafenmediziner Hammel. Und: Im Flieger sollten Reisende nicht eigenmächtig vom Arzt verschriebene Wassertabletten nehmen. „Sie verschärfen die Thrombosegefahr zusätzlich“, erklärt Schimmelpfennig.
Patienten, die bereits eine Thrombose hatten oder unter mehreren Krankheiten gleichzeitig leiden, sowie frisch Operierte sind besonders gefährdet. Ein absolutes Muss für sie: das Tragen von Kompressionsstrümpfen und Spritzen von Heparin. „Und zwar nicht nur am Reisetag, sondern auch am Tag vor und nach der Reise“, rät Venenarzt Schimmelpfennig. Daran sollten übrigens auch Reisende denken, die einen Beingips haben.
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