Sildenafil heißt der Wirkstoff, der müde Männer munter macht. Seine erstaunlichen Fähigkeiten wurden eher zufällig entdeckt
Durchlaucht schlucken angeblich monatlich 20 der rautenförmigen blauen Pillen, um jederzeit seinen Mann stehen zu können. Prinz Frederick von Anhalt, adoptiertes Blaublut und Ehegatte der Hollywood-Diva Zsa Zsa Gabor, ist bekennender Fan der kleinen Potenzpille. Obwohl sein Popsong – eine Hymne auf den Wirkstoff – auf dem Plattenmarkt floppte, bleibt die Potenzpille fest auf seinem „Speiseplan“, lauten die Gerüchte aus der Regenbogenpresse.
Frederick ist nicht allein Dank Sildenafil feiert beispielsweise Playboy-Gründer Hugh Hefner seinen „längsten Geburtstag bis ins Morgengrauen“, so ließ er sich jedenfalls in „Focus“ zitieren. Wie diese beiden setzen seit der Markteinführung 1998 Millionen von Männern in aller Welt auf die Kräfte des „blauen Wunders“ – wenn auch meist aus ernsteren Gründen als die beiden publicitysüchtigen Promis.
Ein Herzmittel weckt ganz andere Gefühle Die Karriere des Potenzmittels begann im Dezember 1989 in dem englischen Küstenstädtchen Sandwich. Wissenschaftler eines bekannten Pharmakonzerns wollten ein neues Medikament gegen Herzbeschwerden entwickeln. So entstand am Reißbrett der Wirkstoff Sildenafil. Erste Studien an Menschen folgten 1991. Die Studien wurden mangels Erfolg abgebrochen, aber eines ließ die Wissenschaftler aufhorchen: Viele der männlichen Testpersonen meldeten eine verstärkte Neigung zu Erektionen. Das veranlasste die Forscher, erneut mit dem Wirkstoff zu experimentieren – unter anderen Vorzeichen, und diesmal mit großem Erfolg. Innerhalb weniger Jahre war das Medikament marktreif und entwickelte sich in kurzer Zeit zum weltweiten Verkaufsschlager.
Wie das Medikament wirkt Die Wirkweise der blauen Pille ist raffiniert. Im Normalfall sorgt der körpereigene Stoff cGMP (cyclisches Guanosinmonophosphat) dafür, dass sich die Gefäßwände im Penis erweitern. So kann mehr Blut einströmen, und die Erektion wird möglich. Im weiteren Verlauf baut das Enzym Phosphodiesterase V das cGMP wieder ab, das eingeströmte Blut fließt aus dem Penis ab, und er erschlafft. Hier greift Sildenafil an: Er blockiert die Phosphodiesterase V und hemmt so den Abfluss des Blutes aus dem Penis. So wird die Erektion aufgebaut oder länger erhalten. Doch ganz automatisch geht auch hier nichts: Voraussetzung für eine Wirkung sind Lust bringende sexuelle Reize. Unter Hochdruck wird an Nachfolgepräparaten gearbeitet – mit den Wirkstoffen Tadalafil und Vardenafil. Sie sollen schneller und länger wirken und weniger Nebenwirkungen haben.
Ein Medikament – keine Spaßpille Das potente Mittel ist – auch wenn es mancher gerne so sieht – keine „Spaßpille“. Wie jedes Medikament kann auch das blaue Wundermittel unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen. Vor allem Herzpatienten sind gefährdet. Wer beispielsweise auf nitrathaltige Medikamente angewiesen ist, darf Sildenafil nicht einnehmen. Ein gefährlicher Blutdruckabfall könnte die Folge sein. Auch bei anderen Herz-Kreislauf-Mitteln wie Kalzium-Antagonisten, ACE-Hemmern und Beta-Blockern ist Vorsicht geboten.
Sildenafil kann vielleicht noch mehr Andererseits scheinen die Möglichkeiten des Wirkstoffs noch nicht ausgeschöpft. So gibt es Anhaltspunkte dafür, dass Sildenafil unter Umständen auch bei der seltenen pulmonalen Hypertonie (Lungenhochdruck) eingesetzt werden kann. Und sogar das Gehirn könnte profitieren: In Laborversuchen zeigte sich, dass Sildenafil die Symptome eines Schlaganfalls beträchtlich mildern kann.
Orange gegen Blau: immer mehr Konkurrenz auf dem Markt Der Kampf um den Markt der Impotenz-Pillen ist in den USA und jetzt auch bei uns in vollem Gange und soll Patienten mehr Wahlmöglichkeiten eröffnen. Seit Februar 2003 ist das erste Alternativ-Präparat mit Wirkstoff Tadalafil auch in deutschen Apotheken erhältlich. Im Vergleich zu Sildenafil soll es schneller und länger wirken. Ab September diesen Jahres kommt bei uns ein weiterer Rivale hinzu – die orangene Pille enthält den Wirkstoff Vardenafil. Da beide Mittel zur gleichen Substanzgruppe gehören wie Sildenafil, können sie ähnliche Nebenwirkungen hervorrufen, etwa Kopfschmerzen und Schwindelanfälle. Auch sollten sie bei Herz-Kreislaufproblemen nicht eingenommen werden. Zwei andere Mittel, die bereits seit längerem in Deutschland bei erektiler Dysfunktion verschrieben werden dürfen, basieren auf dem Wirkstoff Apomorphin, der nicht wie Viagra direkt im Penis sondern im Gehirn wirkt.
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