Was der Hebammenkreißsaal in der Praxis für die Frauen bedeutet erklärt eine dort arbeitende Hebamme
Unsere Epertin: Brigitta Bayer ist seit 25 Jahren Hebamme und arbeitet im Hebammenkreißsaal der Frauenklinik Stuttgart / Bad Cannstatt
Was ist denn im Hebammenkreißsaal anders als im normalen Kreißsaal? Die eigenen Möglichkeiten zu gebären werden stärker unterstützt. Nehmen wir als Beispiel die Bewegung: Sich frei und viel bewegen zu können ist ein großes Bedürfnis der meisten Gebärenden. Im normalen Kreißsaal ist die Bewegungsfreiheit häufig eingeschränkt. Die Frauen kommen viel ans CTG, ein Gerät, das die Herztöne des Babys und die Wehen aufzeichnet. Im Hebammenkreißsaal machen wir das eine halbe Stunde lang zu Beginn der Geburt und dann möglichst nur noch sporadisch.
Herrscht eine andere Atmosphäre? Im Hebammenkreißsaal ist die Atmosphäre ruhiger, weil weniger Kontaktpersonen anwesend sind. Er ist für die Frauen viel mehr ein geschützter Raum. Wir beobachten, dass sie nicht so viel Scheu haben, zu stöhnen oder laut zu werden. Außerdem bleibt hier alles in einer Hand. Wir Hebammen machen, wenn es nötig ist, den Dammschnitt. Wir übernehmen auch die U1 beim Baby und die Nachbetreuung bei der Frau, wenn sie zum Beispiel genäht werden muss. Eigentlich fänden wir es optimal, wenn auch die Visiten auf der Wöchnerinnenstation von uns gemacht würden. Das klappt momentan noch nicht, weil die Kapazitäten fehlen. Wir versuchen aber, dass die Hebamme, die die Geburt begleitet hat, die Frau einmal auf der Station besucht. Viele Mütter haben das Bedürfnis, sich noch einmal mit der Fachfrau über den Geburtsverlauf auszutauschen. Kann man eine Geburt im Hebammenkreißsaal als sichere Alternative zur Hausgeburt sehen? Auf jeden Fall. Natürlich bietet der Hebammenkreißsaal nicht die vertraute Umgebung der eigenen vier Wände. Das bleibt der Vorteil einer Hausgeburt. Allerdings ermöglicht er im Idealfall die Eins-zu-eins-Betreuung durch eine erfahrene Hebamme sowie die komplette Sicherheit einer Klinikgeburt. Die Zeitspanne, bis ein Gynäkologe, Anästhesist oder Kinderarzt ans Bett der Frau kommt, beträgt maximal eine Minute. Wir haben keinen Zeitverlust, die Frau kann im Geburtsraum bleiben, die Hebamme wechselt nicht.
Kann sich jede Schwangere für eine Geburt im Hebammenkreißsaal anmelden? Nein, nur Frauen, bei denen keine Risikogeburt bevorsteht. Ausschlusskriterien sind zum Beispiel eine Zwillingsschwangerschaft, Beckenendlage des Kindes, Gestationsdiabetes, ein tief liegender Mutterkuchen oder wenn die Frau bei einer vorherigen Geburt einen Kaiserschnitt hatte. Gemeinsam mit unserem Ärzteteam haben wir diesen Risikokatalog ausgearbeitet. Bei zwei Anmeldeterminen zwischen der 28. und 32. Schwangerschaftswoche sowie ab der 36. Woche klären wir ab, ob die Geburt im Hebammenkreißsaal möglich ist.
Welche Frauen interessieren sich für das Konzept? Bislang waren es informierte Frauen, die eine gute Körperwahrnehmung haben sowie bewusst und natürlich gebären wollten. Sie haben Vertrauen in die Hebammen. Und weil sie sich geborgen fühlen, trauen sich eine Geburt ohne Technik zu.
Das heißt, sie entscheiden sich auch bewusst gegen eine PDA? Ja. Sollte eine Frau während der Geburt allerdings doch nach einer PDA verlangen, können wir die Ärzte hinzuholen. Welche Möglichkeiten haben Sie, Schmerzen zu lindern? Wir bieten Homöopathie, Akupunktur, Aromatherapie, Wasseranwendungen, Bewegung, verschiedene Gebärpositionen und eben die Hinwendung zur Frau. Mit all dem können wir zum Beispiel Wehen anregen, eine Geburt, die ins Stocken gekommen ist, wieder voranbringen, aber auch Schmerzen lindern. Allerdings funktioniert nicht immer alles bei jeder Frau.
Bei wie vielen Geburten mussten Sie doch einen Arzt hinzurufen? Etwa jede zweite Gebärende mussten wir bislang in den normalen Kreißsaal überleiten. Die Gründe waren beispielsweise schlechte Herztöne beim Baby oder der Wunsch der Gebärenden nach Schmerzmitteln. Da wir den Frauen maximale Sicherheit gewährleisten möchten, gehen wir kein Risiko ein. Aber natürlich würden wir uns wünschen, dass wir weniger Geburten überleiten müssen.
Was bedeutet der Hebammenkreißsaal für Sie als Hebamme? Ganz eindeutig eine Stärkung unserer Kompetenzen. Wir besinnen uns wieder auf unsere ursprünglichen Aufgaben. Gleichzeitig ist er aber auch ein Zeichen für die Frauen. Wir möchten, dass das natürliche Gebären wieder im Vordergrund steht. Im Moment geht in Deutschland die Entwicklung immer noch hin zur technisierten Geburt.
Was meinen Sie damit? Ich habe das Gefühl, dass sich Frauen eine Geburt ohne Medizin nicht zutrauen. Etwa zweimal täglich wird bei uns in der Frauenklinik momentan ein Wunschkaiserschnitt gemacht, also ohne medizinische Notwendigkeit. Ich denke, das kommt auch aus einer Unsicherheit der Frauen heraus: Sie wollen sich nicht in eine Situation begeben, in der sie die Kontrolle über sich verlieren und Schmerzen erleiden müssen. Mit dem Hebammenkreißsaal signalisieren wir den Schwangeren, dass wir ihnen die Geburt zutrauen und sie dabei unterstützen. Ich sehe den Hebammenkreißsaal als ein Steinchen auf dem Weg hin zum natürlichen Gebären. 09.10.08, Baby und Familie, Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Comstock Images
|