Von der sozialen Phobie bis zur Panikattacke – Therapeuten klären auf, was dagegen hilft
Als 15-Jährige sollte Gitta T. Kirchenbesuchern von der Empore aus laut vorlesen. "Plötzlich versagte meine Stimme, und mein Herz raste. Hilflos schaute ich mich um, und ein anderes Mädchen sprang für mich ein", berichtet die heute 60-jährige Mannheimerin. Ein peinlicher Vorfall. So etwas passiert – und wird abgehakt.
Doch nicht bei Gitta T.. Die Jugendliche schämte sich entsetzlich, fühlte sich minderwertig und wollte sich nie wieder einer so schlimmen Situation aussetzen." Aus Angst vor Kritik oder Ablehnung blieb ich – obwohl gut in der Schule – immer weit unter meinen Möglichkeiten.“ Um nicht bei Geburtstagsfeiern in der Firma oder anderen betrieblichen Festlichkeiten erscheinen zu müssen, ließ sich Gitta T. später als Verwaltungsangestellte stets krankschreiben. "Wenn mich andere anschauen, fühle ich mich total unwohl und werde rot. Sobald ich einen Löffel zum Mund führe oder ein Glas halte, zittern meine Hände. Allein passiert mir das nie", erklärt die Frührentnerin. Damals wusste sie noch nicht, dass sie unter Kontaktängsten leidet. Therapeuten sprechen auch von einer sozialen Phobie.
Die Grenzen sind fließend "Die Grenzen zwischen Schüchternheit und sozialen Ängsten sind fließend", erklärt Professorin Ulrike Willutzki von der Ruhr-Universität Bochum. Bei einer sozialen Phobie spürt der Betroffene eine ausgeprägte, anhaltende Angst vor Kontakten mit anderen und vor deren Bewertungen. Als krank gilt, wer stark sowie länger als ein halbes Jahr darunter leidet und aufgrund dieser psychischen Störung berufliche oder private Ziele nicht verwirklichen kann.
Bis zu 7,5 Prozent der Deutschen erkrankten im vergangenen Jahr an einer sozialen Phobie – Frauen deutlich öfter als Männer, was für alle Angsterkrankungen zutrifft. Die wenigsten Menschen entwickeln die Störung nach dem 25. Lebensjahr. Das bedeutet aber auch, dass viele – so wie Gitta T. – jahrzehntelang damit leben bevor ein Arzt die richtige Diagnose stellt. Die Ursachen für eine soziale Phobie sind wie bei anderen Ängsten bislang nicht eindeutig geklärt. Wissenschaftler und Therapeuten sprechen von einer "individuellen Kombination von Faktoren", wie Professor Jürgen Hoyer von der Technischen Universität (TU) Dresden.
Studien mit eineiigen Zwillingen legen nahe, dass genetische Einflüsse eine eher geringe Rolle spielen. Untersuchungen mit Kindern, die als Dreijährige ein klammerndes Verhalten aufwiesen, zeigen, dass die Hälfte von ihnen diese Eigenart bis zum achten Lebensjahr wieder verliert. "50 Prozent der Mädchen und Jungen haben also in dieser Beziehung etwas anderes dazugelernt. Demnach können Umwelteinflüsse einiges abpuffern", betont Willutzki.
Auf Flucht programmiert Ungünstige Bedingungen verstärken und verfestigen jedoch diese Form von Angst. Bestehen in Familien strenge Regeln, etwa um keinen Preis aufzufallen, kann das zur Krankheit beitragen. Schlechte Erfahrungen wie Gewalt im Elternhaus oder wenn jemand zur Zielscheibe für Hänseleien wird, gelten ebenfalls als Risikofaktoren.
Ähnlich wie bei anderen Ängsten reagiert das Emotionszentrum im Gehirn bei sozialer Phobie extrem schnell. Das in Bruchteilen von Sekunden Wahrgenommene wird nicht erst wie gewöhnlich gedanklich verarbeitet. Vielmehr erfolgt sofort eine Reaktion. "Der Körper ist auf Flucht programmiert", schildert Willutzki das Problem. "Hochgradig automatisiert" nennt Hoyer dieses Verhalten. Was entwicklungsgeschichtlich für den Menschen höchst sinnvoll war, nämlich dem Feind zu entkommen, läuft jetzt aus dem Ruder.
Jeder Mensch kennt derartige Fluchtreaktionen in einer abgemilderten Form: Sobald wir aufgeregt sind, schaffen wir es oft nicht mehr, die Lage angemessen einzuordnen. Zudem stellten Wissenschaftler bei den Patienten Auffälligkeiten im Gehirnstoffwechsel fest. Das spricht für eine Überaktivierung des autonomen, also nicht willentlich beeinflussbaren Nervensystems.
Zusätzliche Krankheiten können folgen Weil sich die Betroffenen zurückziehen, folgen häufig zusätzliche Krankheiten. "Bis zu 80 Prozent dieser Menschen entwickeln weitere Störungen, insbesondere körperbezogene Ängste wie Panikattacken oder auch Depressionen", sagt Willutzki. Das passierte auch Gitta T.. Antriebslos saß sie daheim und konnte sich zu nichts mehr aufraffen. Schließlich schaffte es die damals 46-Jährige doch, eine Neurologin aufzusuchen. Von ihr erhielt sie ein Antidepressivum, das gleichzeitig bei sozialen Ängsten hilft. Damit ging es der Mannheimerin bald besser.
Als sich jedoch im darauffolgenden Jahr ihre berufliche Tätigkeit änderte und sie Besucher betreuen sollte, fühlte sie sich völlig überfordert und ständig erschöpft. Aus Verzweiflung kündigte sie: "Aufzugeben galt für mich als extreme Niederlage, und ich machte mir deswegen heftige Vorwürfe." Die erste Panikattacke Kurz darauf bekam Gitta T. in der Straßenbahn ihre erste Panikattacke: "Plötzlich wurde mir speiübel und schwindlig, mein Herz raste, und ich hatte das Gefühl, als würden meine Beine im nächsten Moment wegknicken." Waren das die Vorboten eines Herzinfarkts? Wie sie nach Hause kam, weiß sie heute nicht mehr. Genau kann sie sich jedoch an die Orte erinnern, an denen diese Attacken immer häufiger auftraten: auf belebten Plätzen und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Zuletzt traute sie sich kaum mehr aus der Wohnung aus Furcht vor solchen "Herz- und Schwindelanfällen". Deren Ursache fanden auch Ärzte nicht. Dass sie gesund sein sollte, ließ die Mannheimerin fast verzweifeln.
Doch dann fiel ihr die Neurologin ein, die schon einmal geholfen hatte. Diese überwies die Patientin sofort ins Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. "Zum ersten Mal hörte ich dort, dass ich unter Angst leide", sagt Gitta T.. Gleichzeitig erlebte sie, damit nicht die Einzige zu sein. 17.09.08, Apotheken Umschau, Bildnachweis: Jupiter Images GmbH/Ablestock
|