«Jeder weiß, dass er sein Kind nicht schlagen darf, aber nicht jedem ist bewusst, dass er sein Baby nicht schütteln darf.» Mit diesem Satz ringt ein Kinderarzt der Berliner Charité um Aufklärung
Martin Reetz, Kinderarzt auf der Intensivstation des Berliner Universitätsklinikums Charité, bekommt jedes Jahr rund 30 mal die Folgen zu sehen, wenn Eltern ihr Baby geschüttelt haben. «Die meisten Eltern wissen nicht, was sie ihrem Kind mit dem Schütteln antun», sagt er. «Es ist ihnen zwar klar, dass sie ihr Baby damit verletzen – aber nicht, dass sie es vielleicht umbringen können.»
Ein Drittel der betroffenen Säuglinge stirbt, ein Drittel ist künftig schwerst behindert und nur ein Drittel der Kinder trägt statistisch gesehen keine größeren Schäden davon. Bernd Herrmann, Oberarzt der Kinderklinik des Klinikums Kassel und einer der führenden Experten für Kindesmisshandlung, geht sogar noch weiter. Er meint, dass es in 90 Prozent der Fälle zu Folgeschäden kommt. «Es gibt unklare Behinderungen, die auf das Babyschütteln zurück gehen, aber nie mit ihm in Verbindung gebracht werden.» In Deutschland gebe es seiner Schätzung nach pro Jahr zwischen 300 bis 500 Fälle des «Schütteltraumas».
Lange glaubten Forscher, dass nur absichtliche,starke Rüttelbewegungen den Tod von Kleinkindern verursachen können. Im Juni des Jahres 2001 schlugen Ärzte des Royal London Hospital im Wissenschaftsmagazin „New Scientist“ Alarm: Bereits leichtes Schütteln, so hatten sie herausgefunden, können Nervenfasern im Nackenbereich des Kindes schädigen und so einen Atemstillstand verursachen. Auch wenn ein Baby nicht an den Folgen des Schüttelns stirbt, trägt es häufig gravierende Nerven- und Knochenschädigungen davon.
Prominenter Fall in der Schweiz: Bergsteiger weint um toten Sohn Der Fall machte Schlagzeilen: Der international bekannte Extrembergsteiger Erhard Loretan hatte Ende Dezember 2001 seinen sieben Monate alten Sohn Ewan versehentlich zu Tode geschüttelt. Das Kind starb an den Folgen seiner Gehirnverletzungen. Der als Bezwinger aller 14 „Achttausender“ bekannte Bergsteiger wurde wegen fahrlässiger Tötung zu vier Monaten bedingt verurteilt (das entspricht in der deutschen Rechtssprechung einem Urteil auf Bewährung). Loretan beteuerte, nicht gewusst zu haben, welche Folgen sein Verhalten haben würde. Wäre er sich der Gefahr bewusst gewesen, hätte er nie so reagiert. «Ich habe das Kind nur zwei Sekunden lang geschüttelt», sagte der 43-Jährige. Er hätte nie gedacht, dass ein Kind an so etwas sterben könnte. Sein kleiner Sohn habe am 23. Dezember im Verlauf des Nachmittags nicht mehr zu schreien aufgehört. Da er (Loretan) gestresst gewesen sei, habe er ihn geschüttelt und dann wieder hingelegt. Das Kind habe sofort aufgehört zu schreien. Beim erneuten Nachschauen habe er dann gemerkt, dass es seinem Sohn nicht gut ging. Er habe unverzüglich die Ambulanz gerufen. «Im Kinderspital habe ich dann von den Risiken beim „Babyshaking” erfahren».
Gefahr leichten Schüttelns: Sauerstoffmangel Die britische Neuropathologin Jennian Geddes und ihre Kollegen hatten im Sommer 2001 festgestellt, dass nur wenige Kinder nach dem Schütteln an direkt verursachten Hirnverletzungen sterben. Sie hatten die Gehirne von 53 Säuglingen näher untersucht, die angeblich durch einen gewaltsamen Tod gestorben waren. Direkte Hirnverletzungen entstehen, wenn das Gehirn des Säuglings durch starkes Schütteln gegen die Innenseite des Schädels schlägt. Bei der Mehrzahl der von Geddes untersuchten toten Säuglinge war hingegen Nervengewebe verletzt worden, das die Atmung kontrolliert. Der Sauerstoffmangel ließ das Gehirn der Kinder anschwellen und nicht wie bisher angenommen – ein Schütteltrauma. Um ein Baby zu verletzen, sei nicht viel Kraft nötig, warnen die Briten. Der Baby-Kopf sei im Vergleich zum Körper zu schwer und die Nackenmuskulatur noch unterentwickelt.
Betroffene Eltern: Kampf im Krankenhaus Die Tatsache, dass nur wenige Sekunden unüberlegten Handelns ausreichen, um das eigene Kind zu töten oder schwer zu verletzen, macht den Umgang mit den Folgen des „Babyshakings“ für Mediziner, Eltern und Staatsanwälte so kompliziert. Verzweifelte und zornige Mediziner wie Bernd Herrmann, Oberarzt der Kinderklinik des Klinikums Kassel halten Babyschütteln für die gravierendste Form der Kindesmisshandlung. 80 Prozent der Todesfälle aller misshandelten Kinder gingen auf das Schütteltrauma zurück. Nicht immer jedoch würden sie als solche erkannt. «Es gibt bei den Ärzten zu wenig medizinisches Wissen darüber», moniert der Mediziner, der in Kassel auch die Kinderschutzambulanz leitet und im Vorstand der Deutschen Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung sitzt. Von außen sei schwer zu erkennen, ob ein Baby an den Folgen des Schüttelns gestorben ist. Wenn ein Notarzt zu einer Familie gerufen werde, weil deren Baby plötzlich tot ist, „komme es schon vor, dass er aus Mitleid nicht die richtigen Fragen stelle“. Es dauere mitunter Tage, bis der Arzt die Ursache für den Tod des Kindes gefunden habe und „die Eltern mit einem Tötungs-Vorwurf konfrontieren dürfe.“ Es braucht sicherlich nicht viel Fantasie um sich zu vorzustellen, in welcher Verfassung sich die betroffenen Eltern befinden und welche seelischen Folgen das Geschehene auch für sie hat. Wir halten uns deshalb an das Fazit des Extrembergsteigers Erhard Loretan: Eltern müssen zu jeder Zeit wissen, was sie ihrem Kind antun, wenn sie es schütteln.
Trotz Schüttelverbot: Kniehüpfen ist weiter erlaubt Eltern sollten sich jedoch nach Meinung der Mediziner auch nicht zu viele Sorgen machen. Verletzungen gebe es im normalen Umgang zwischen Eltern und Kind fast nie. Sie könnten auch nicht auftreten, wenn die Eltern das Kind auf den Knien hüpfen lassen. Eltern würden in der Regel merken, welche Bewegungen für ein Kind gefährlich seien.
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