Jedes Jahr infizieren sich Millionen Patienten in den Krankenhäusern der Europäischen Union – viele sterben daran. Ein Experte fordert strengere Kontrollen
Die Zahlen klingen bedrohlich: Mehr als 1000 Menschen sollen sich nach Angaben einer Untersuchungskommission zwischen 2004 und 2006 allein in britischen Krankenhäusern mit gefährlichen Erregern infiziert haben, die gegen mehrere keimtötende Antibiotika unempfindlich geworden sind. Mindestens 90 Patienten starben an den Folgen der Infektion. Doch das Problem im Krankenhaus erworbener („nosokomialer“) Infektionen ist in Industrieländern alltäglich; die Zahlen sind möglicherweise viel höher. So schätzt das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) in Stockholm, dass sich jedes Jahr rund drei Millionen Menschen in der EU während eines Klinikaufenthalts mit Bakterien oder Pilzen anstecken. In den meisten Fällen handelt es sich um oberflächliche Wundinfektionen, die binnen kurzer Zeit abheilen. Rund 50.000 Patienten jedoch sterben an den Folgen.
Nicht immer vermeidbar
Tückisch wird es, wenn die Krankheitskeime über verunreinigte Venen- oder Blasenkatheter, Drainagen oder Beatmungsschläuche tiefer in den Körper des Patienten gelangen. Dann droht ein Harnwegsinfekt oder sogar eine Lungenentzündung. „Das ist kaum zu verhindern“, sagt Professorin Petra Gastmeier, Hygienespezialistin an der Medizinischen Hochschule Hannover. „Je länger ein Katheter liegt, umso größer ist die Gefahr, dass Erreger von der Haut in das Körperinnere gelangen.“ Gefährdet seien in erster Linie Patienten mit schweren Grunderkrankungen oder einer Abwehrschwäche.
„Das Risiko variiert auch von Fachrichtung zu Fachrichtung“, ergänzt Dr. Klaus-Dieter Zastrow, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). „Auf Intensivstationen liegt das Risiko für eine Infektion bei bis zu dreißig Prozent, in der Augenchirurgie ist es mit unter einem Prozent am niedrigsten.“
Peinlich genau arbeiten
Etwa 20 bis 30 Prozent aller nosokomialen Infektionen wären nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) vermeidbar.„Die wichtigste Einzelmaßnahme ist ganz klar die Händedesinfektion“, betont Petra Gastmeier. Auch der Umgang mit Kathetern müsse mit peinlicher Genauigkeit erfolgen. Darüber hinaus sei die Vorbeugung von Wundinfektionen sinnvoll, beispielsweise durch die fachgerechte Gabe von Antibiotika. Die genauen Empfehlungen für solche Hygienemaßnahmen kommen von medizinischen Fachgesellschaften und vom RKI. Um sie ständig optimieren zu können, wurde vor über zehn Jahren an der Berliner Charité das Krankenhaus-Infektions-Surveillance-System (KISS) ins Leben gerufen. Mehr als 500 Kliniken beteiligen sich heute bundesweit an diesem Projekt. Sie melden anonymisierte Fälle nosokomialer Infektionen. Das Ziel ist es, Referenzdaten zu ermitteln und eine Grundlage zu schaffen für das Qualitätsmanagement deutscher Krankenhäuser.
Hygienearzt soll Pflicht sein
„Wie man Infektionen verhindert, weiß man heute ganz genau“, sagt Zastrow. „Aber aus Nachlässigkeit oder Unkenntnis wird das manchmal nicht so genau genommen.“ Daher fordert der Mediziner für jede Klinik einen eigenen Arzt oder eine Schwester für Krankenhaushygiene. Solche Spezialisten wären dazu da, die Hygienezustände im Haus ständig zu überprüfen, die Mitarbeiter zu schulen und zu ermahnen sowie notwendige Maßnahmen zu ergreifen. Doch lediglich in Berlin, Bremen und Sachsen sei das gesetzlich geregelt. In allen anderen Bundesländern liege es daher am Patienten, Druck auszuüben: „Wer weiß, dass er ins Krankenhaus muss, sollte sich vom Hausarzt intensiv beraten lassen und nachfragen, ob die gewählte Klinik eine entsprechende Hygienestruktur hat“, meint Zastrow.
In Großbritannien soll es künftig nur noch kurzärmlige Arztkittel geben, um eine optimale Händedesinfektion sicherzustellen. Die Forderung, die Kittel ganz abzuschaffen, stößt auf wenig Gegenliebe bei Medizinern. Dazu Zastrow: „Der Arztkittel hat schließlich noch andere wichtige Funktionen: Der Patient erkennt daran den Arzt und weiß, wen er ansprechen kann. Zudem beherbergen die Kitteltaschen wichtige Instrumente, die der Mediziner immer wieder benötigt. Aber der kurze Ärmel ist sicher eine gute Idee." 12.02.08, Apotheken Umschau, Bildnachweis: Stockbyte
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