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Seelsorge:
Der Glaube und die Medizin   Zur Druckansicht

Der Glaube versetzt Berge, heißt es. Aber stärkt das Vertrauen in Gott auch die Gesundheit? Forscher erkunden den Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Spiritualität

„Heilen durch Gebet zählt zu den ältesten Versuchen der Menschheit, Krankheiten abzuwenden oder zu beeinflussen“, sagt der Psychologie- Professor Dr. Harald Walach von der Universität im britischen Northampton, der unter anderem die Auswirkung des Glaubens auf die Gesundheit erforscht. Diese Hoffnung hat bis heute nichts von ihrer Kraft verloren. Einer Erhebung aus dem Jahr 2002 zufolge vertraut ein Drittel der US-Amerikaner auf die Heilkraft des Gebets. Für Deutschland gibt es solche Zahlen nicht, doch eine Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag der Apotheken Umschau zeigte, dass 40 Prozent der Deutschen beten, wenn sie in schwierige Situationen geraten.

In der Praxis scheint die himmlische Unterstützung aber wirkungslos zu sein – zumindest dann, wenn Herzkranke von Fremden mit Fürbitten bedacht werden. Zu diesem Ergebnis kam eine im April im American Heart Journal veröffentlichte Studie. US-Forscher der Harvard Medical School hatten rund 1200 Patienten, die kurz vor einer Bypass- Operation standen, in zwei Gruppen unterteilt. Für eine wurde nicht gebetet, für die andere sprachen Nonnen, Mönche oder Mitglieder einer Gebetsgruppe eine Fürbitte für „eine erfolgreiche Operation, schnelle Genesung und keine Komplikationen“.

Doch gerade Letztere traten in beiden Gruppen auf – bei etwa jedem zweiten Patienten. Den mit Gebeten bedachten Kranken erging es sogar ein bisschen schlechter. Gläubigen, die sich durch solche Untersuchungen nicht verunsichern lassen wollen, dürfte der Kommentar des US-amerikanischen Theologen Mark Coppenger zu derartigen Studien aus dem Herzen sprechen: „Ich habe erfahren, dass Gott unsere Gebete erhört. Aber ich habe noch nicht erlebt, dass er bei einem Test mitmacht.“ In diesen Worten offenbart sich das Dilemma solcher Forschungsprojekte. Kann irdische Wissenschaft das Jenseitige messen? Sind die Bereiche „Wissen“ und „Glaube“ nicht von jeher streng getrennt? Und dürfen Forscher sich anmaßen, Gott zum Versuchsobjekt zu machen?

Auch Privatdozent Dr. Arndt Büssing, Arzt am Lehrstuhl für Medizintheorie und Komplementärmedizin der Universität Witten/Herdecke, ist es nicht geheuer, eine Vorstellung von Gott zu messen, die in der Erhörung von Fürbitten steckt. Bei seinen Studien lässt er Gott außen vor und beschränkt sich auf den Glauben. Zusammen mit Lehrstuhlkollegen hat er einen Fragebogen entwickelt, um ein Bild vom Glauben schwer kranker Patienten zu erhalten und zu sehen, ob sie seelischen Halt aus diesem ziehen.


Religion als Überlebensvorteil

Eine Hypothese von Anthropologen und Evolutionsforschern lautet, dass Menschen aller Kulturen und entwicklungsgeschichtlichen Etappen zu religiösen Strukturen neigen und durch ihren Glauben einen Überlebensvorteil gewinnen. „Für Menschen als soziale Wesen scheint sich der gemeinsam gelebte Glaube positiv auf Wohlbefinden und Gesundheit auszuwirken“, vermutet die Psychologin Dr. Anja Mehnert vom Universitätklinikum Eppendorf. Wie Büssing untersucht sie mit Fragebögen die psychischen Wirkungen des Glaubens auf schwer kranke Patienten. „Möglicherweise werden auch Werte, die für das Leben des Einzelnen und ganzer Gesellschaften nützlich sind, viel eher eingehalten, wenn sie als Gesetz eines höheren Wesens gelten.“ Das können Nächstenliebe, Gewaltfreiheit oder Mildtätigkeit sein, aber auch Gesundheit. „Viele Religionen mahnen ihre Mitglieder zur Mäßigung, beispielsweise bei Alkohol, Rauchen und Drogen“, sagt Büssing. „Auch sonst werden Verhaltensweisen zum Tabu erklärt, die sich als Gesundheitsrisiko erwiesen haben.“ Als Beispiel nennt er das im Judentum und Islam verpönte Schweinefleisch, das in warmen Ländern leicht verdirbt.

Hunderte Studien haben sich mit der Frage beschäftigt, ob der Glaube messbare Effekte auf den Körper hat, also Gesundheit und Heilung konkret beeinflussen kann. So sollen gläubige Menschen zum Beispiel länger leben als der Bevölkerungsdurchschnitt, einen niedrigeren Blutdruck, ein stärkeres Immunsystem und weniger Depressionen haben. Angeblich laufen Heilungsprozesse bei ihnen schneller ab, und sie sollen besser vor Herz- Kreislauf-Erkrankungen geschützt sein.


Widersprüchliche Studienlage

Genaueres Hinsehen weckt Zweifel an solchen Erkenntnissen. Mal umfasste die Studie nur wenige Teilnehmer, mal erstreckte sie sich nur über wenige Wochen, oder sie ignorierte den Einfluss persönlicher Unterstützung, etwa durch Familie und Freunde. Oft hielten auch die untersuchten Kriterien strengen wissenschaftlichen Maßstäben nicht stand. Oder sie berücksichtigten nicht, dass Glaube bei jedem Menschen je nach Religion, Konfession sowie eigenen Erfahrungen und Vorstellungen höchst individuell und unterschiedlich ausgeprägt ist.

Aber selbst wenn Studien all diese Fehlerquellen ausschließen, liefern sie widersprüchliche Ergebnisse. „Einmal kommt ein heilender Effekt heraus, dann wieder nicht“, bedauert Mehnert. „Bisher ist die Studienlage zu uneinheitlich, um gesicherte Erkenntnisse abzuleiten.“ Und Büssing hält Aussagen wie „Glaube heilt“ für extrem populistisch. Niemand könne sich Glauben vornehmen oder per Rezept vom Arzt verschreiben lassen, gemäß dem Motto: „Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Glaube heilt. Und jetzt bin ich krank, probiere alle Heilmöglichkeiten aus und bete auch mal 48 Vaterunser.“

Übereinstimmend zeigen Büssings und Mehnerts Untersuchungen aber, dass schwer kranke Menschen durchaus von ihrem Glauben profitieren. In den Fragebögen gaben die meisten Patienten an, die schockierende Diagnose habe sie zutiefst erschüttert, mit der eigenen Verletzlichkeit und Endlichkeit konfrontiert und dazu gebracht, fieberhaft nach Lebenssinn zu suchen. Viele sagten, ihr Glaube helfe ihnen, die Krankheit in einen Sinnzusammenhang zu stellen, aktiv zu verarbeiten und zu bewältigen. Dabei spielte es keine Rolle, ob sie von vornherein religiös verwurzelt waren, die Überbleibsel ihres Kinderglaubens hervorgesucht oder erstmals zu individuellen Formen der Spiritualität gefunden hatten.


Glaube spendet Lebenssinn

Doch auch dieses Ergebnis formulieren die beiden Forscher vorsichtig. Nicht in jeder ihrer Studien hatten gläubige Patienten ein psychisch besseres Befinden. Der Religionspsychologe Dr. Sebastian Murken, Privatdozent an der Universität Trier, hat bei einer Befragung von Brustkrebspatientinnen gezeigt, dass nur sehr religiöse Frauen in ihrem Glauben an einen gütigen Gott eine Stütze fanden. Frauen mit einer mäßig ausgeprägten Religiosität plagten angesichts der schrecklichen Diagnose Zweifel und Verunsicherung. Und stark gläubige Patientinnen, denen jedoch ein strenger, strafender Gott vor dem inneren Auge stand, stürzten sogar in ein Tief aus Angst und Depression.

Anja Mehnert möchte zudem nicht gläubige Patienten beruhigen, indem sie klarmacht, dass auch weltliche Bezugssysteme im Schock der Erkrankung Sinnzusammenhänge herstellen und Halt geben können: „Denken Sie an das soziale Netz, Familie, Freunde, die Liebe. Manche suchen die Sinnfrage auch in der Philosophie zu beantworten.“ Seelsorger und Psychologen können bei diesem weltlichen Umgang mit der Diagnose helfen. „Aber wenn ich spüre, dass zur Individualität eines Patienten sein Glaube gehört, spreche ich mit ihm sehr gern auch darüber“, sagt Mehnert. Sie berichtet von neuen Konzepten der psychologischen Patientenbetreuung, die Fragen nach Lebenssinn und Glauben einen großen Stellenwert einräumen.


Körpersorge und Seelsorge

Im Klinikalltag ist das schwierig und zeitaufwendig. Studien zeigen außerdem, dass Ärzte wie Patienten vor solchen Gesprächen zurückschrecken. „Über Sexualität zu sprechen ist einfacher als über den Glauben“, kommentiert Arndt Büssing. Viele Patienten wollen die Ärzte nicht auch noch mit seelischen Nöten behelligen, Ärzte schützen sich vor allzu großer Nähe, indem sie sich darauf konzentrieren, gewissenhafte Handwerker des Körpers zu sein. „Wenn die Gespräche aber zustandekommen“, ergänzt Büssing, „erleben Arzt und Patient es oft als befreiend und befriedigend. Ich freue mich, wenn die künstlichen Grenzen von Körpersorge und Seelsorge verschwimmen.“

Dann ist man wieder bei den Wurzeln, wie der Psychologe Walach sagt: „In archaischen Gesellschaften waren Priester, die zwischen der diesseitigen und jenseitigen Welt vermittelten, meist auch Heiler.“ Und Jesus Christus verkündete seine frohe Botschaft in erster Linie nicht in Worten, sondern in Heilstaten. Oft sagte er zu den Geheilten: „Dein Glaube hat dir geholfen.“

Immer wieder erlebt Büssing, dass gläubige Schwerkranke diesem Satz zustimmen. Besonders beeindruckt hat ihn die Geschichte einer Patientin mit stark metastasiertem Lungenkrebs. Sie fand Halt in einer buddhistischen Meditations- und einer christlichen Gebetsgruppe. „Der Tumor wuchs und wuchs und wuchs. Aber die Frau wiederholte immer wieder mit einem Lächeln, sie habe keine Angst mehr. Sie fühlte sich frei und erlöst. Das war eine innere Heilung.“

Apotheken Umschau

 

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