Aktuelle Gesundheitstipps
Masern:
„Pflichtimpfung wäre sinnvoll“   Zur Druckansicht

Weil es an Impfschutz mangelt, ist die Krankheit wieder auf dem Vormarsch. Ein Interview mit Professor Thomas Beck

Professor Thomas Beck leitet die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker in Eschborn. Sie erfasst Meldungen der Apotheken zur Arzneimittelqualität und -sicherheit.

? Herr Professor Beck, in diesem Jahr wurden bislang mehr als 1600 Masernfälle gemeldet. Wie lässt sich eine weitere Ausbreitung verhindern?

Um epidemieartige Masernausbrüche zu vermeiden, müssen mindestens 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Die aktuelle Häufung der Fälle zeigt, dass die Durchimpfungsrate in Deutschland deutlich darunter liegt: Während noch 93 Prozent aller Kinder eine erste Impfdosis erhalten, liegt die Quote für die zweite Dosis bei 66 Prozent.

? Gibt es regionale Unterschiede?

Im regionalen Vergleich schneiden die neuen Bundesländer deutlich besser ab als die alten. Und in anderen europäischen Ländern rechnen Experten bald mit einer Ausrottung der Masern.

? Warum begegnen viele Eltern der Impfung mit Vorbehalt?

Leider verbreiten alternativ- therapeutische Kreise, dass die Impfung mit ungeheuren Risiken behaftet sei und Kinder die Masern auf natürlichem Weg durchmachen sollten. Dabei ist das Risiko eines Impfschadens im Verhältnis zu den Gefahren der Krankheit verschwindend gering.

? Sind Masern eine harmlose Kinderkrankheit?

Im Gegenteil: Sie haben eine Komplikationsrate von 10 bis 20 Prozent. Die Viren schwächen das Immunsystem und begünstigen bakterielle Infektionen wie Lungen- und Mittelohrentzündungen. Bei jedem tausendsten Fall treten außerdem schwere Schäden an Gehirn und Rückenmark auf. Besonders gefürchtet sind Gehirnentzündungen, die in zehn Prozent der Fälle tödlich verlaufen und bei 20 Prozent der Betroffenen bleibende Schäden verursachen.

? Können auch Erwachsene Masern bekommen?

Erwachsene ohne ausreichenden Impfschutz können ebenfalls erkranken. Gerade alte Menschen werden wegen ihres geschwächten Immunsystems stark in Mitleidenschaft gezogen. Deshalb sollten Impflücken unbedingt geschlossen werden.

? Wann sollten Kinder geimpft werden?

Im Alter von 12 bis 15 Monaten. Eine zweite Impfung, die für den vollen Schutz notwendig ist, wird vor Vollendung des zweiten Lebensjahrs empfohlen. Um die Kinder wenig zu belasten, ist eine kombinierte Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln sinnvoll.

? Wie gefährdet sind ungeimpfte Säuglinge?

Wenn die Mutter als Kind selbst Masern hatte, haben sie in den ersten Monaten einen gewissen Nestschutz. Trotzdem ist der Kontakt zu infizierten Kindern zu vermeiden. Seit 2001 sind die Masern meldepflichtig: Ärzte müssen bereits Verdachtsfälle melden. Kinder mit Verdacht auf Masern dürfen Kindergarten und Schule nicht besuchen. Äußerst bedenklich sind „Masern-Partys“, auf denen sich Kinder anstecken sollen, um die Krankheit „natürlich“ durchzumachen.

? Der deutsche Ärztetag forderte kürzlich, die Masernimpfung zur Pflicht zu machen. Was halten Sie davon?

Um die Masern auszurotten, wäre das sicher eine sinnvolle Maßnahme. Auch die Pocken wurden dank konsequenter Impfkampagnen besiegt – und hier waren die Impfrisiken wesentlich größer. Wenn man der niedrigen Impfbereitschaft nicht durch Aufklärung beikommt, wird man um eine gesetzliche Pflicht nicht herumkommen.

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