Ökologische Lebensmittel sind so gefragt wie nie. Dass Anbau und Tierzucht auch in großem Stil gelingen, zeigt das Beispiel der Agrargenossenschaft Großzöbern in Sachsen
Hügeliges Ackerland, so weit das Auge reicht. Frisch gepflügte Erde grenzt an leuchtend grüne Felder, auf denen die Pflanzen kräftig austreiben. Dazwischen stehen hier und da kleine Baumgrüppchen, und in der Ferne glänzt dunkel das Wasser der Talsperre Dröda.
Seit mehr als einer Stunde lenkt Dirk Rudert, Produktionsleiter der Agrargenossenschaft Großzöbern im sächsischen Vogtland, seinen Geländewagen geschickt über ausgewaschene Feldwege und jagt ihn querfeldein hinauf und hinunter zwischen den Orten Pirk und Gutenfürst. Aber noch immer hat er erst einen Teil der ökologisch bewirtschafteten 1250 Hektar Land kontrolliert, für die er verantwortlich ist.
Dieser riesige Ökobetrieb konnte entstehen, weil Anfang der 90er Jahre die Umwandlung von einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG), wie die von Staats wegen zusammengelegten Bauernhöfe der DDR hießen, zu einer genossenschaftlich geführten Firma mit 87 Mitgliedern geglückt war. 1038 solcher Betriebe arbeiten im Osten Deutschlands, einige haben sich wie in Großzöbern auf biologischen Landbau spezialisiert. Insgesamt werden bundesweit fast 812 000 Hektar, das sind knapp fünf Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche, ökologisch bewirtschaftet.
Fruchtfolge statt Pflanzenschutzmittel Rudert deutet nach links auf ein dicht bewachsenes grünes Feld. „Hier bauen wir Kleegras an. Da hat Unkraut keine Chance, weil der Bodenbewuchs dafür zu fest wird“, erklärt der diplomierte Agraringenieur. „Für die Folgefrucht bilden diese Pflanzen den notwendigen Stickstoff“, so Dirk Rudert weiter. Später können dort Weizen, Gerste und Mais gedeihen.
Eine Fruchtfolge, die den Boden nicht auslaugt, mussten die Landwirte der Genossenschaft seit jeher beachten, denn 540 Hektar der Nutzfläche liegen in einem Wasserschutzgebiet. Deshalb mussten die Landarbeiter strenge Auflagen einhalten, damit der Regen keine Unkraut- und Insektenvernichtungsmittel in den nahe gelegenen Trinkwasserspeicher der Talsperre Dröda schwemmte.
„Das war sicher mit ein Grund, warum wir dort 2001 auf ökologischen Anbau umstellten“, räumt Karin Zetzsche ein, Hauptbuchhalterin der Agrargenossenschaft. Zusammen mit Dirks Vater Jochen Rudert leitet sie die Kooperative. Zweimal haben sie alles genau durchrechnen lassen und mit ihren eigenen Zahlen verglichen. „Dabei stellten wir fest, dass die Daten gar nicht so weit auseinander lagen, und wagten diesen Schritt“, sagt Zetzsche. Bald verzichteten sie auch auf den übrigen Feldern auf chemische Pflanzenschutzmittel sowie synthetischen und mineralischen Dünger.
Ökologische Grundsätze und moderne Technik Besonders schwer fiel ihnen das nicht, denn den wichtigsten Dünger, nämlich Stallmist, gibt es direkt vom Hof. 616 Rinder, in vier großen Ställen untergebracht, liefern ihn rund um die Uhr.
Milchproduktion und Tieraufzucht erfolgen hier ebenfalls in großem Stil – und dennoch nach ökologischen Prinzipien: keine Futtermittel aus fernen Ländern, keine Fischmehle und keine so genannten Tierkörpermehle. Auch Antibiotika, Hormone und Wachstumsförderer, in der konventionellen Tierhaltung üblich, sind verboten. Zudem liegen die Tiere auf Stroh, haben zeitweise Auslauf und können ihr arttypisches Verhalten ausleben.
Täglich liefern die 310 Milchkühe rund 5500 Liter Milch. „Im Jahr ergibt das gut zwei Millionen Liter, die in der Käserei in Bayreuth verarbeitet werden“, sagt Jochen Rudert, als Betriebsleiter auch für die Tiere verantwortlich.
Sichere Nahrung für viele „Die wichtigsten Käufergruppen sind junge Familien mit Kindern, ältere gesundheitsbewusste Menschen und all jene, die Genuss und Lebensstil mit ethischen Ansprüchen verbinden“, weiß Dr. Alexander Gerber, Geschäftsführer des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft in Berlin.
Der Wunsch nach unbedenklicher, nicht gentechnisch veränderter und schmackhafter Nahrung lässt zahlreiche Verbraucher immer häufiger nach Biolebensmitteln greifen. Aufgrund der stetigen Nachfrage hat sich der Umsatz seit 2000 verdoppelt.
Und so meldete die Biolebensmittelbranche im vergangenen Jahr in Deutschland wieder einmal Rekordumsätze: 15 Prozent mehr als im Vorjahr.
„Der Trend zu gesunden Lebensmitteln lässt sich auch an den Neueröffnungen ablesen: Jede Woche macht in Deutschland ein neuer Bioladen auf“, sagt Gerber.
Vom Naturkostladen zum Supermarkt Hell, modern und großzügig eingerichtet, warten viele Biosupermärkte mit einem breit gefächerten Angebot von rund 8000 verschiedenen Artikeln auf. Zum Vergleich: In einem Discountmarkt der Aldi-Kette findet der Käufer etwa 800, in einem größeren Supermarkt von Tengelmann mehr als 25 000 verschiedene Produkte.
Wer Biolebensmittel kaufen will, ist inzwischen nicht mehr ausschließlich auf Naturkostläden oder Biosupermärkte angewiesen. Ein kleines Sortiment bieten auch zahlreiche „normale“ Einzelhandelsgeschäfte an.
Dieser Trend zum konventionellen Supermarkt und Discounter macht manchen Biobauern Sorgen. Ihre Befürchtung: Nehmen große Firmen dem Erzeuger riesige Mengen Biowaren ab, könnten sie versuchen, die Preise zu drücken. Die Folge: Landwirte schaffen es nicht mehr, kosten deckend zu arbeiten. Denn in einem ökologischen Betrieb wie in Großzöbern muss der Bauer den Boden bei weniger Ertrag öfter mechanisch bearbeiten. Zudem erhalten die Tiere dort kein Hochleistungsfutter, das bei der herkömmlichen Aufzucht die Erträge steigert.
Computergeprüfte Trinkmenge Wenn Christine Schoen, von den anderen liebevoll „Kälberfrau“ genannt, ihre Nachmittagsschicht beginnt, drängen sich die neugeborenen Kälbchen bereits unruhig in ihren Iglus, einer Art halb offenen Boxen. Doch die Jüngsten müssen noch warten. Zunächst überprüft die Tierwirtin im Stall die Tränkautomaten, aus denen die bis zu vier Monate alten Kälber erwärmte Milch aus Gummizitzen selbst nuckeln. Anhand eines kleinen Chips um den Hals der Tiere – kabellos mit einem Computer verbunden – kann sie ablesen, wie viel jedes Kalb getrunken hat. Zehn Liter Milch täglich sind normal.
Erst dann füttert Christine Schoen die nur wenige Tage alten Tiere mit der wertvollen Kolostralmilch der Mutterkuh. „Eine schöne Arbeit, weil sie so lebendig ist“, findet die blonde Frau. Sie ist eine der 27 Angestellten.
Auch wenn die „Straße der Solidarität“ in Großzöbern als Sackgasse vor einer braunen Holzscheune endet, hoffen die Betreiber der Agrargenossenschaft, dass der Aufschwung bei Biowaren anhält. Zukunftsprojekte gibt es bereits. „Wir haben ein Haus im Ort gekauft“, sagt Karin Zetzsche. Dort soll ein Ökoladen entstehen. Aber nicht nur das. „Sobald das historische Gewölbe renoviert ist, wollen wir da einen Treffpunkt für Leute aus der Gegend schaffen. Denn der fehlt hier auf dem Land.“
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