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Arbeit weg (1):
Die Gesundheit leidet   Zur Druckansicht

Der Verlust des Arbeitsplatzes macht krank: seelisch und körperlich. Wissenschaftler und Ärzte diskutieren neue Wege, um die Belastung auszugleichen

Wenn ein flüchtiger Bekannter Marisa Graf (Name geändert) fragt, was sie beruflich macht, antwortet sie „Ich bin bei der Stadt“ und wechselt das Thema. Es muss nicht jeder wissen, dass sie arbeitslos ist, findet die 50-Jährige. Einem Fremden ihre Lage zu erklären ist kompliziert, hat viel mit ihrer Migräne zu tun und geht ganz schnell ins Private hinein. Zu viel Intimes für eine oberflächliche Begegnung. Da behält sie ihr Leben lieber für sich. Marisa Grafs letzte Stelle als Bürohilfe liegt fünf Jahre zurück. Es war der einzige Job, den sie überhaupt bekommen hat, seit sie ihren Beruf als Fremdsprachensekretärin aufgab, um zu heiraten.

Graf stammt aus Lateinamerika. Auf einer Europareise traf sie ihren späteren Mann, einen Deutschen. Sie zog nach Bayern, heiratete, bekam einen Sohn. Die Ehe ging bald in die Brüche. Es folgten Jahre als allein erziehende Mutter. Der Ex-Gatte machte Probleme bei der Unterhaltszahlung. Als der Sohn größer wurde, belegte Marisa Graf geförderte Deutschkurse. Bald beherrschte sie die Sprache fast makellos. „Mit dem Schreiben“, sagt sie, „sieht es leider nicht so rosig aus.“ Deshalb war sie froh, als Aushilfe in einer städtischen Berufsschule unterzukommen. Der Direktor war zufrieden mit ihr, obwohl sie wegen heftiger Migräne jeden Monat einige Tage ausfiel. Er beschaffte ihr eine auf zwei Jahre befristete Vollzeitstelle. „Als es dann um die Verlängerung ging“, berichtet sie, „wollte der Direktor mich gern behalten. Aber die Stadtverwaltung sah meine Fehlzeiten und sagte, das käme zu teuer.“

Den Halt nicht verlieren
Millionen Menschen kämpfen in Deutschland darum, trotz ihrer Arbeitslosigkeit nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Im Februar 2006 waren offiziell mehr als fünf Millionen ohne Job. „Die tatsächliche Zahl liegt noch deutlich höher“, sagt Professor Elmar Brähler, Leiter der Abteilung für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie der Universität Leipzig. „Gerade im Osten melden sich viele Menschen, insbesondere Frauen, nicht bei der Arbeitsagentur, obwohl sie auf Arbeitssuche sind.“

Zunehmend häufiger entwickelt sich die unfreiwillige Untätigkeit zum Dauerzustand. Lag der Anteil der Langzeitarbeitslosen 1980 noch unter 15 Prozent, steht mittlerweile mehr als ein Drittel der Betroffenen länger als ein Jahr ohne Anstellung da. Wie kommt eine ganze Bevölkerungsschicht mit den gravierenden Einschnitten in ihr Leben zurecht? Wie verkraften Körper und Seele die verstörende Perspektivlosigkeit?

„Das ist ein Problem“, sagt Professor Thomas Elkeles vom Fachbereich Gesundheit und Pflege der Fachhochschule Neubrandenburg, „für das es keine einfachen Lösungen gibt und das politisch kaum angegangen wird.“ Dabei steht der Handlungsbedarf unter Wissenschaftlern längst außer Zweifel. „Die Gesundheit von Arbeitslosen“, sagt Brähler, „ist durchgängig schlechter als die von Berufstätigen. Das ist mit Studien aus ganz Europa belegt.“ Die psychischen und körperlichen Risiken steigen, je länger die Arbeitslosigkeit dauert.

Auch körperlich krank
Das Leiden hat viele Gesichter: Vom substanzzehrenden Verlust an Lebensfreude über körperliche und psychische Erkrankungen bis hin zur Alkoholsucht. Sogar das Risiko, frühzeitig zu sterben, wächst bei Arbeitslosen umso deutlicher, je länger sie von der Berufswelt abgeschnitten sind. Wer sich hoffnungslos fühlt, steckt ernsthafte Erkrankungen schlechter weg. Zwei Faktoren spielen bei der augenfälligen Misere zusammen. Zum einen werden kränkelnde Arbeitnehmer oft als Erste aussortiert, wenn Unternehmer Stellen streichen. Zum anderen belastet die Erwerbslosigkeit viele Menschen so stark, dass sie darüber krank werden. „Arbeitslosigkeit erzeugt enorme gesundheitliche Folgelasten“, fasst Brähler zusammen. „Es wäre wichtig, dass die Politik das Thema auch unter diesem Blickwinkel betrachtet.“ Vor allem die staatlich bezuschusste Gesundheitsförderung halten Sozialmediziner für verbesserungsbedürftig.

„Es lässt sich bisher kaum beurteilen“, ergänzt Elkeles, „welche der bestehenden Initiativen den Arbeitslosen wirklich helfen.“ Vor zwei Jahren hat er Projekte ausgewertet, die sich einer wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen hatten. Das ernüchternde Ergebnis: So wie die Maßnahmen angelegt waren, lassen sich aus ihnen keine verwertbaren Schlüsse ziehen. „Das Forschungsfeld ist kaum bestellt“, folgert Elkeles. „Weitere Untersuchungen müssten systematischer ablaufen.“

„Als Kranke hatte ich doch gar keine Chance“, glaubt Marisa Graf heute. Seit ihrer Entlassung sucht sie häufig Fachärzte auf, und sie geht viel zur Arbeitsagentur. Was die Sachbearbeiter dort von ihr denken? Das fragt sie sich oft. Und sie meint zu spüren, dass es nichts Gutes ist. Ihre Termine bei der Behörde beschreibt sie als dauernden Kampf, ernst genommen zu werden. „Das hat mich mürbe gemacht“, sagt die 50-Jährige. Seit dem Sommer vergeht keine Woche mehr ohne Migräneanfälle. Immer öfter reicht ein falsches Wort, und sie bricht in Tränen aus. „Ich spüre, wie der Druck wächst“, bekennt sie, „aber es gibt nur wenige Freundinnen, mit denen ich reden kann.“

Ein dauernder Kampf
Bisweilen überlegt sie, zu einem Psychologen zu gehen – und lässt es dann doch. Schließlich kann er ihr auch keinen Job herbeischaffen. Manchmal denkt Marisa Graf, ihr wäre schon geholfen, wenn sie bei all ihren Amtsgängen ein bisschen mehr Verständnis für ihre Lage spüren würde.

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