Interview mit dem Vorsitzenden der Stiftung „Motivation zur Lebensstiländerung – Chance bei Diabetes“
Im Februar 2006 rief die Deutsche Diabetes-Stiftung ihre neue Tochterstiftung „Motivation zur Lebensstiländerung – Chance bei Diabetes“ ins Leben. Diese richtet sich speziell an Typ-2-Diabetiker. Die Apotheken Umschau sprach mit dem Vorsitzenden, Professor Stephan Martin, Leitender Oberarzt der Diabetes-Klinik im Deutschen Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine- Universität Düsseldorf.
Welches Ziel verfolgt die neue Stiftung?
Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es für keinen Patienten zu spät ist, die Erkrankung positiv zu beeinflussen. Wir wollen zeigen, dass der Diabetes eine Chance sein kann, das Leben durch grundlegende und alltägliche, nichtmedikamentöse Maßnahmen neu zu ordnen. Den Blutzucker betrachten wir als kennzeichnende Größe für den ganzen Lebensstil.
Welche Faktoren sind für die angestrebte Änderung des Lebensstils entscheidend?
Ein Typ-2-Diabetes wird verursacht durch Bewegungsmangel und übermäßige Ernährung. Deshalb ist es wichtig, die körperliche Aktivität zu verstärken. Durch sie sinkt der HbA1c- Wert („Blutzuckergedächtnis“) durchschnittlich um 0,6 bis 0,7 Prozent. Die Aktivität kann man durch Sport steigern, aber auch durch alltägliche Dinge wie auf dem Weg zur Arbeit eine Station früher aus dem Bus aussteigen. Wichtig ist, dass die Menschen eine Vorstellung davon bekommen, wie viel Energie sie verbrauchen. Dabei hilft die Blutzucker-Selbstkontrolle. Der zweite Punkt ist die Ernährung. Wenn ein Diabetes entsteht, dann muss ich nicht Broteinheiten zählen, sondern mich gesund ernähren. Was viele nicht wissen: Nicht der Zucker macht krank, sondern eher die Fette. Dritter Punkt ist die innere Zufriedenheit. Wer Stress hat, bewegt sich weniger und ernährt sich ungesünder.
Welche Maßnahmen plant die Stiftung, um Diabetikern diese Zusammenhänge besser bewusst zu machen?
Wir wollen die Menschen informieren. Eine Studie, die wir gerade veröffentlicht haben, zeigt, dass Patienten, die sich mit ihrer Erkrankung mehr auseinander setzen, länger leben. Sie haben weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle. Langfristig planen wir, die Maßnahmen des täglichen Lebens wissenschaftlich zu analysieren, also in Forschungsprojekten ihre Umsetzbarkeit zu prüfen. Auch das soll letztlich die Versorgung der Patienten verbessern.
Warum tritt gerade der Typ-2-Diabetes immer häufiger auf?
Das hat gesellschaftliche Ursachen. Die Menschen gehen heute durchschnittlich nur 400 Meter am Tag. Das ganze Alltagsleben ist darauf ausgerichtet, dass wir keinen Muskel mehr benutzen. Man sitzt und isst. Und das rächt sich. Immer mehr Menschen bekommen Diabetes – auch immer jüngere. Hatten wir in den 60er Jahren einen Anteil von Diabetikern an der Gesamtbevölkerung von unter einem Prozent, sind es heute sieben bis acht Prozent. Der überwiegende Teil, 90 bis 95 Prozent, geht zu Lasten des Typ-2-Diabetes.
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